74 Jahre verheiratet mit demselben Menschen – können das nur noch gekrönte Häupter?

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Liebe Leserinnen und Leser,

meine wunderbare Kollegin Cora Stephan, zu recht Bestsellerautorin, hat am Freitag ein sehr schönes Stück bei Tichy über den jüngst verstorbenen Prinz Philipp verfasst. Cora hat schon öfter über die Windsors geschrieben, aber leider konnte ich sie gestern am späten Abend nicht mehr erreichen um zu fragen, woher eigentlich das Interesse, ja ihre Begeisterung am britischen Königshaus herrührt. Auch meine Mutter Waltraud, die im Sommer 2019 mit 93 Jahren viel zu früh von uns gegangen ist, war Zeit ihres Lebens eine begeisterte Royalistin. Alle Tragödien, alle Lieben, alle Skandale, alle Nachkommen – Mama wusste alles, kaufte jede Woche gleich mehrere von diesen schrecklichen gelben Blättchen, aus denen sie ihr königliches Wissen geradezu heraussaugte. Und das über Jahrzehnte, sie hätte einen eigenen Verlag finanzieren können.

Und eine andere mittelbare königliche Begegnung hatte ich persönlich nach Vollendung der Deutschen Einheit, als ich – es muss 1992 oder 1993 in Magdeburg gewesen sein – als Chefredakteur „aus’m Westen“ eingeladen wurde, in der Jury zur Wahl der Miss Sachsen-Anhalt mitzutun. Ich muss sagen, eine kulturell wirklich bereichernde Veranstaltung, die mir den Osten näher brachte. Neben mir saß ein älterer Kollege, der für eine der wichtigen Yellowpress-Blätter in Deutschland tatsächlich beim Buckingham Palace akkreditiert war. Zwischen den…kulturellen Darbietungen…auf der Bühne erzählte er von seiner Arbeit in London, und dass die Pressearbeit des königlichen Palastes keineswegs dazu angetan sei, gute Geschichten zu liefern. Der Job des Pressestabs dort sei vielmehr, möglichst jede ernsthafte Berichterstatung im Keim zu ersticken. Ein herrlicher Abend, der gekrönt wurde, als mein Kollege in seine abgewetzte Ledertasche griff und eine Flasche Metaxa herausholte. „Auch einen?“, fragte er mich und stellte direkt zwei Gläser vor uns auf den Jury-Tisch. Und unsere neuen 600 Landsleute aus Sachsen-Anhalt im Saal konnten direkt einen Eindruck gewinnen, wie wir Wessi-Schreiberlinge so drauf sind…

Cora ist natürlich kultivierter, so wie ich sie kurz kennengelernt habe, beim Schwarmtreffen vor zwei Jahren in Berlin. Sie beschreibt in ihrem Artikel bei TE den verstorbenen Prinzgemahl als den „antiautoritären Geist an der Seite der Queen“, eine wunderbare und zweifellos zutreffende Beschreibung des Mannes, der zeitlebens treuester Diener der Krone und seiner Frau war, dessen Humor bei anderen gekrönten Häuptern, Präsidenten und Kanzlern ebenso gefürchtet war wie die Fettnäpfchen in die er regelmäßig reintappte, ohne die berühmte britische Contenance auch nur für eine Sekunde zu verlieren. Legendär die Begrüßung bei einem Besuch des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl im Jahr 19977, den der Prinz mit „Guten Tag, Herr Reichskanzler!“ begrüßte. Cora schreibt: „Es ist nicht überliefert, ob Bundeskanzler Helmut Kohl es komisch fand.“ Aber diesen Satz von Cora finde ich total komisch.

Prinz Philipp war ein wunderbarer Mann, zweifellos, einer um den Millionen Menschen in aller Welt zu recht trauern. Vielmehr noch jetzt seine Gemahlin, Königin Elisabeth II um den fels an ihrer Seite. Schon als 13-jähriges Mädchen habe sie sich unsterblich in den großgewachsenen blendend aussehenden Marineoffizier verliebt, mit dem sie bis zu seinem Tod in der vergangenen Woche sagenhafte 74 Jahre verheiratet war – „zu Ehe und Pflichterfüllung unter erschwerten Bedingungen“, wie Cora formuliert.

Und das inspiriert nun mich, ehrlich gesagt, besonders. Natürlich ist eine Ehe in der jahrhundertealten britischen Monarchie nicht mit dem Leben von uns Normalsterblichen zu vergleichen. Aber, liebe Freunde, 74 Jahre verheiratet? Mit dem gleichen Partner? Wer schafft das heute überhaupt noch, ja, wer will das? Wohl anzunehmen, dass das Feuer der Leidenschaft nicht die Triebkraft dieser langen Ehe im Dienste des Vaterlandes war. Und doch machten sie bei gemeinsamen öffentlichen Auftritten immer einen unfassbar gelassenen Eindruck vor dem Hintergrund der Bürde, nebenbei das erste Ehepaar des weltumspannenden Commonwealth zu sein. Und dann immer dieses Theater mit Charles und Camilla, die Tragödie mit dem Tod von Lady Di und zuletzt die unabgesprochene Abnabelung Meghan und Harrys vom Rest „der Firma“, wie man sich bei Hofe selbst bezeichnet. Alles nicht beziehungsfördernd, sollte man denken. Doch es klappte. Stattliche 74 Jahre lang.

Was ist das Geheimnis einer langen Ehe? Ist die überhaupt erstrebenswert? Ist die traditionelle Ehe eines Mannes und einer Frau nicht nur ein überkommenes Relikt aus vergangenen Zeiten, als man eine Versorgungsgemeinschaft bildete, eine Vernunftehe? Bevor all dieser Kram mit Gefühlen und Leidenschaft anfing. Keine Ahnung, aber als konservativer Mensch, der vor 30 Jahren auch noch freiwillig Katholik geworden ist, will ich weiter an die Ehe glauben. Traditionell, ein Mann, eine Frau, eine Zweiergemeinschaft von Liebe getragen, basierend auf unbedingten gegenseitigen Vertrauen und Zusammenhalt. Wie sollte es denn sonst auch funktionieren?

Ruhe in Frieden, königliche Hoheit!

Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.