PRAG/PILSEN – s war der 8. Mai 1945, der Tag, an dem die deutsche Wehrmacht endlich kapitulierte, und der Zweite Weltkrieg wenigstens in Europa endete. Während in den Metropolen der Welt gefeiert wird, herrscht in den Grenzgebieten des zerfallenden Großdeutschen Reiches ein mörderisches Chaos.
In der Nähe der tschechischen Stadt Pilsen, an einer staubigen Landstraße, fing eine Kamera der US-Armee eine Szene ein, die noch Jahrzehnte später als eines der eindringlichsten Dokumente menschlichen Leids im Krieg viral geht. Die Sequenz fängt nur 55 Sekunden auf Farbfilm ein, doch sie erzählt die ganze Grausamkeit dieser Tage. Im Zentrum steht dabei eine junge Frau, geschlagen und geschunden, einstmals sicher eine Schönheit, die heute als das „Lost German Girl“ weltweit bekannt ist.
Wer, wann und wo?
Die Aufnahmen damals entstanden unter der Leitung von Captain Oren W. Haglund, einem Hollywood-erfahrenen Kameramann, der für die 166. Signal Photo Company der US-Armee die Wirren rund um das nahende Kriegsende und das Vorrücken der Alliierten und die Kapitulation der deutschen Truppen dokumentierte.
An jenem Vormittag des 8. Mai positionierte sich Haglunds Team an einer Straße, auf der sich endlose Kolonnen geschlagener Wehrmachtssoldaten in Richtung der amerikanischen Linien bewegten, um der drohenden Gefangenschaft in den als barbarisch bekannten sowjetischen Konzentrationslagern oder der Rache lokaler Milizen zu entgehen.
Zwischen all diesen ausgemergelten Männer taucht plötzlich eine Gestalt auf, die so gar nicht in das Bild passt.
Es ist eine junge Frau, vielleicht 18 oder 20 Jahre alt. Sie trägt eine viel zu große, feldgraue Wehrmachtshose und eine dunkle Strickjacke. In ihren Händen klammert sie ein Bündel Papier – darunter eine Kennkarte der Deutschen Arbeitsfront (DAF) für Sudetendeutsche – und ein paar Geldscheine.
Die Details der Aufnahme sind erschütternd: Das Gesicht der Frau ist durch massive Schwellungen entstellt. Unter beiden Augen zeichnen sich tiefe, dunkle Hämatome ab, ihre Lippen sind aufgesprungen, und ihr Blick schwankt zwischen panischer Angst und Apathie. Als sie die Kamera bemerkt, faltet sie instinktiv die Hände wie zum Gebet. Es ist eine Geste des Flehens, die weltweit zum Symbol für die Schutzlosigkeit der Zivilbevölkerung in einem Krieg wurde.
Warum das Bild weltbekannt wurde
Lange Zeit schlummerten diese Aufnahmen in den National Archives der USA. Erst mit der Digitalisierung und dem Aufkommen von Social-Media-Plattformen wie YouTube und Reddit erlangte die Sequenz eine globale Reichweite. Die Qualität des 16-Milimeter-Farbfilms ist für damalige Verhältnisse außergewöhnlich gut, was die Brutalität der Verletzungen unangenehm real erscheinen lässt.
Das Video berührt einen Nerv beim Betrachter, weil es die heroische Erzählung vom „sauberen Sieg“ durchbricht. Es zeigt die hässliche Fratze der Vergeltung.
Zu diesem Zeitpunkt war das Gebiet um Prag und Pilsen ein Hexenkessel. Tschechische Partisanen und die lokale Bevölkerung begannen, sich für Jahre der Besatzung und Gräueltaten der SS zu rächen. Deutsche Frauen wurden Opfer willkürlicher Gewalt, von Vergewaltigungen und Misshandlungen. Das „Lost German Girl“ ist die visuelle Bestätigung dieser historischen Realität, die in offiziellen deutschen Geschichtsbüchern oft nur am Rande erwähnt wird.
Ihr stummes Flehen vor der Kamera der Befreier stellt die Frage, warum im Moment des Triumphs der Befreier die Menschlichkeit dennoch zu kurz kommt.
Die Suche nach der Identität: Wer war sie wirklich?
Über 70 Jahre lang blieb die junge Frau namenlos. Internet-Detektive, Historiker und Hobby-Genealogen investierten tausende Stunden, um das Rätsel zu lösen. Die Durchbrüche kamen durch die Analyse der Dokumente, die sie in die Kamera hielt. Die DAF-Karte war auf den Namen einer jungen Frau ausgestellt, deren Spuren nach Prag führten.
Nach dem aktuellen Stand der Recherchen, die unter anderem durch Zeitzeugen und Dokumentenabgleiche in tschechischen Archiven gestützt werden, handelt es sich höchstwahrscheinlich um Lore Bauer (in einigen Quellen auch als „Lara“ bezeichnet). Sie war als Nachrichtenhelferin oder Luftwaffenhelferin in Prag stationiert. Während des Prager Aufstandes Anfang Mai 1945 versuchten viele deutsche Frauen, sich zu den US-Truppen nach Westen durchzuschlagen.
Augenzeugenberichten zufolge wurde Lore Bauer auf der Flucht von tschechischen Aufständischen gefasst. Die schweren Verletzungen in ihrem Gesicht stammten von Schlägen vermutlich mit Gewehrkolben oder Fausthieben, die sie während eines Verhörs oder einer Misshandlung durch die Milizen erlitten hatte. Das Video zeigt sie in dem Moment, in dem sie glaubt, endlich in Sicherheit zu sein – bei den Amerikanern.
Das spätere Schicksal
Was nach den 55 Sekunden geschah, bleibt teilweise im Nebel der Geschichte. Es gibt tatsächlich ein zweites, weniger bekanntes Stück Filmmaterial, das sie kurze Zeit später zeigt. Sie sitzt dort in einer Wiese, umgeben von anderen Flüchtlingen. In dieser Szene versucht sie, für die Kamera zu lächeln – ein herzzerreißender Kontrast zu ihrem malträtierten Gesicht. Es ist ein Lächeln der Erleichterung, vielleicht auch der puren Erschöpfung.
Nachforschungen in den 2010er Jahren deuten darauf hin, dass die Frau den Krieg tatsächlich überlebte. Es gibt Hinweise, dass sie später unter einem anderen Namen in Westdeutschland lebte und eine Familie gründete. Sie soll jedoch Zeit ihres Lebens nie öffentlich über die Erlebnisse jener Tage gesprochen haben – ein Schicksal, das sie mit Millionen Frauen ihrer Generation teilte, die das Schweigen über die erlittene Gewalt als einzige Überlebensstrategie sahen.
Bildquelle:
- Lost_German_Girl: commons
