Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
es gibt diese Menschen, die ihr Leben dem unbedingten Wunsch widmen, unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen. Menschen wie die deutsche Krankenschwester Sonja Nientiet.
Die 47-Jährige stammt aus dem westfälischen Hamm und hatte sich beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) als Ausbilderin für Erste Hilfe in Afrika gemeldet. Zwischen 2014 und Ende 2017 war sie in Syrien und der Republik Kongo im Einsatz – zwei der übelsten Konfliktherde auf dem Planeten damals.
Doch es wurde schlimmer, denn im Januar 2018 brach sie auf, um in Somalia zu arbeiten und die Zivilbevölkerung medizinisch so gut es geht zu versorgen.
Bis zum Abend des 2. Mai 2018
Hinter den vermeintlich sicheren Mauern der IKRK-Zentrale in Mogadischu dringen an diesem Abend gegen 20 Uhr Ortszeit bewaffnete Männer auf das Gelände und ins Gebäude der Hilfsorganisation ein.
Später stellte sich heraus, dass der Feind im inneren Kreis war.
Denn ein Wachmann, der eigentlich für den Schutz der ausländischen Helfer angestellt und bezahlt wurde, greift die Deutsche an und überwältigt sie. Er schleust sie an den Sicherheitsbarrieren vorbei und übergibt sie vor den Toren des Komplexes wartenden Komplizen.
Binnen weniger Augenblicke verschwindet das Fahrzeug in den engen Gassen Mogadischus. Kurz darauf verliert sich ihre Spur im Buschland Somalias, das zu großen Teilen von der islamistischen Terrororganisation al-Shabaab kontrolliert wird.
Lösegeld-Sackgasse und die deutsche Doktrin
Schon bald nach Nientiets Verschleppung wird klar, wer die Fäden im Hintergrund zieht. Al-Shabaab-Milizen fordern rund 20 Millionen US-Dollar für die Freilassung der Deutschen. Für die Bundesregierung und den im Auswärtigen Amt eilig einberufenen Krisenstab beginnt damit ein völkerrechtliches und ethisches Dilemma.
Deutschland verfolgt, wie viele westliche Staaten, eine strikte „No-Concessions“-Politik. Das heißt: Offiziell wird kein Lösegeld an Terrororganisationen gezahlt, um das florierende Geschäftsmodell von Entführungen nicht weiter zu finanzieren und andere deutsche Staatsbürger weltweit vor ähnlichen Schicksalen zu schützen.
Während das IKRK versucht, über lokale Stammesälteste und Clanstrukturen rein humanitäre Kanäle offenzuhalten, verhärten sich die Fronten zwischen den Entführern und den offiziellen Stellen in Berlin. Für Sonja Nientiet bedeutet dies das Verstreichen von Monaten, die inzwischen zu quälenden Jahren geworden sind.
Zwei Jahre nach der Entführung und ohne jeden Fortschritt gelang es dann dem Bundesnachrichtendienst (BND) mit seinem Netzwerk vor Ort und technischer Satellitenüberwachung, das Versteck von Sonja Nientiet im unwegsamen somalischen Buschland zu entdecken und die deutsche Bundesregierung zu informieren.
Sofort beginnt die Bundeswehr einen detaillierten Operationsplan für das Kommando Spezialkräfte (KSK) auszuarbeiten, um eine bewaffnete Befreiungsaktion aus der Luft und am Boden durchzuführen.
Es endete typisch deutsch
Auf Intervention von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) wurde die Rettungsmission abgesagt. Das Risiko, dass die al-Shabaab-Terroristen die Geisel beim ersten Schusswechsel exekutieren oder das KSK in einen tödlichen Hinterhalt gerät, wurde politisch als zu hoch bewertet. Die Sorge vor einem „Blutbad“, bei dem am Ende sowohl Soldaten als auch die Geisel sterben könnten, wog schwerer.
Diese Entscheidung sorgt bis heute für erbitterten Zündstoff und beschäftigt über parlamentarische Anfragen regelmäßig den Deutschen Bundestag.
Nach Jahren des qualvollen Schweigens, in denen viele befürchteten, Sonja Nientiet sei längst tot, tauchte im Frühjahr 2025 plötzlich ein Video in den sozialen Netzwerken auf. Das ZDF und Sicherheitsbehörden prüften das Material und stuften es als authentisch ein. Bilder, die die deutsche Öffentlichkeit tief erschütterten.
Das Video zeigt eine sichtlich gezeichnete, gealterte und vom jahrelangen Überlebenskampf im Busch entkräftete Frau.
Mit brüchiger Stimme fleht Sonja Nientiet die Bundesregierung, das Rote Kreuz und die Weltöffentlichkeit an, sie nicht zu vergessen und alles für ihre Rettung zu tun.
Sie berichtete von einer dramatischen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands.
Heute, im Jahr 2026, hat sich die Lage für die Frau nicht verbessert
Sie befindet sich nunmehr seit über acht Jahren in der Gewalt islamistischer Extremisten. Die Debatte um die sogenannte „Silent Diplomacy“ – die absolute Geheimdiplomatie des Auswärtigen Amtes – reißt nicht ab. Kritiker von Organisationen wie „Hostage Aid Worldwide“ werfen der Regierung vor, die Strategie der Verschwiegenheit schütze primär die Handlungsunfähigkeit des Staates und weniger das Leben der Entführten.
Sonja Nientiet ist die „vergessene Geisel“ Deutschlands, und genau deshalb erinnere ich Sie alle heute an den tragischen Fall und an das Versagen unseres Staates, irgendetwas für Sonja Nientiets Rettung zu tun.
Es gab die reale Chance im Jahr 2020 – sie wurde vertan. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, übrigens auch ein Sozialdemokrat wie Maas, wurde 1977 seiner Verantwortung gerecht, als er die Passagiere der entführten Lufthansa-Maschine – ebenfalls in Mogadischu – durch ein Spezialkommando befreien ließ. Terroristen tot, keine Geisel verletzt.
Somalia ist heute das Paradebeispiel für einen „gescheiterten Staat“
Die Regierung kontrolliert – wenn überhaupt – nur die Hauptstadt Mogadischu, und das auch nur mittels internationaler Unterstützung. Der Nordwesten des Landes spaltete sich 1991 ab, agiert seither als völlig unabhängiger De-facto-Staat mit eigener Währung, Verfassung und angeblich relativ stabiler Ordnung, wird jedoch international von keinem Land anerkannt.
Ich bitte Sie: Vergessen Sie Sonja nicht! Beten Sie für diese tapfere Frau!
Ihr Klaus Kelle