Die „älteste Tochter der Kirche“ lebt: Papst Leo begeistert Hunderttausende Menschen in Paris

Papst Leo XIV. betet in der Grotte von Lourdes. Hier soll 1858 einem Hirtenmädchen die Muttergottes erschienen sein.
von KLAUS KELLE
PARIS – Es ist eine Szene, die so gar nicht in das gern behauptete Narrativ eines unaufhaltsam schwindenden Glaubens in der westlichen Welt passt. Im Pariser Stade de France, wo sonst Fußball-Länderspiele und Weltmeisterschaften stattfinden, herrscht eine Atmosphäre, die manche Kommentatoren anschließend als „katholisches Woodstock“ bezeichnen. Kann ein viertägiger Papstbesuch in einem laizistischen Frankreich so etwas wie eine spirituelle Renaissance auslösen?

So weit würde ich nicht gehen, aber als ich vor dem Bildschirm am Freitagabend den orkanartigen Jubel der 80.000 vornehmlich jungen Gläubigen zwischen 17 und 35 Jahren sah und hörte, spürte ich doch kurz einen Anflug von dem, was man allgemein „Gänsehaut“ nennt. Die Eintrittskarten für die Gebetsvigil des Heiligen Vaters waren innerhalb von einer Stunde vergriffen.

Was sich an diesen Tagen im laizistischen Frankreich abspielt, das so viel Wert auf die strickte Trennung von Staat und Kirche legt, sorgt für Aufsehen auch über die Grenzen Frankreichs hinaus.

Frankreich, historisch stolz auf den Titel als „älteste Tochter der Kirche“, gilt in der westlichen Welt als eines der am stärksten säkularisierten Länder. Das gehört unzweifelhaft zur nationalen Identität unseres Nachbarlandes. Und doch bewegt sich da erkennbar etwas wunderbares, eine Art von Glaubenserweckung, die man in den multikulturellen Wohlstandsgesellschaften gar nicht mehr für möglich gehalten hat. Die französische Bischofskonferenz staunt selbst über einen rasanten Anstieg von Erwachsenentaufen und ein völlig neu erwachtes Interesse an christlicher Spiritualität im Land.

Die Vigil im Stade de France schlägt gekonnt die Brücke zwischen jahrhundertealter Tradition und jugendlicher Moderne. In einer Art und Weise, wie man es höchstens mal bei den katholischen Weltjugendtagen oder früheren Reisen des unvergessenen Papstes Johannes Paul II um die Welt erlebt hat. Beim Weltjugendtag 2005 in Köln war ich – nicht mehr ganz so jung – mittendrin in der Menge von 600.000 Menschen.

Für Leser, die frei nach Habermas „religiös unmusikalisch“ sind

Eine Vigil (lateinisch vigilia = „Nachtwache“ oder „Wachsein“) ist ein Gottesdienst am späten Abend oder auch in der Nacht, der zurückführt auf die frühe Christenheit, wo es üblich war, vor hohen Feiertagen wie Ostern oder Pfingsten sich betend und singend auf das Fest vorzubereiten.

Die Vigil beginnt meistens in der Dämmerung mit Musik und Zeugnissen von Gläubigen und dann gestern natürlich dem feierlichen Einzug des Pontifex, immerhin geistlicher Anführer von 1,3 Milliarden Katholiken rund um den Erdball. Sobald es dunkel ist, entzünden die Teilnehmer Kerzen oder heutzutage Taschenlampen und die Lampen ihrer Smartphones. Und den Schluss bildet eine Zeit des stillen Gebets, der Meditation und ruhiger Gesänge.

Und wenn natürlich so ein Papst da ist, dann ist alles noch größer und noch stimmungsvoller

Hunderte Jugendliche führten am Freitagabend im Stadion ein historisches Schauspiel auf, das die Heiligen Frankreichs – von der Jungfrau von Orléans über König Ludwig IX. bis hin zu Thérèse von Lisieux – nahezu zum Leben erweckte. Christliche Popmusik wechselten sich mit meditativen Gesängen aus Taizé ab. Eine katholische Fülle im modernen Gewand unserer Zeit, keine billige Show, sondern ein Wechsel von lautem Jubel und atemberaubender Stille, die die Tiefe des Glaubens zelebrierte.

Sichtlich bewegt und auf Französisch rief der Papst aus:

„Danke! Danke für euren Mut, danke für eure Gegenwart, danke für euren Glauben! Ihr seid die Heiligen Frankreichs!“

In seiner zentralen Meditation wird der Papst sehr ernst, als er die Lebenswirklichkeit der heutigen „Generation Z“ zum Thema erhob. Bezogen auf die großen Krisen, Kriege und Herausforderungen der digitalen Welt argumentierte er mit ruhigen klaren Worten gegen den heute weit verbreiteten kollektiven Pessimismus. Dabei warnte er eindringlich – für mich ein Höhepunkt dieser Papstreise nach Frankreich – vor einer  bloßen „Vermeidungs-Moral“. Es reiche nicht aus, wenn die Menschen das Böse meiden, jetzt sei die Zeit, sich aktiv dem Guten zuzuwenden. Es reicht nicht mehr, passiv zu sein und niemandem schaden zu wollen.

Papst Leo fordert stattdessen von uns ein radikales Umdenken

Christus habe die Menschheit nicht erlöst, damit sie es sich ängstlich in einer Komfortzone gemütlich macht:

„Christi Sieg nach seinem Kampf gegen Sünde und Tod befreit uns alle, er rettet uns vor allem Bösen und lädt uns zu allem Guten ein.“

Heiligkeit und gesellschaftliche Transformation entstehen, davon ist Papst Leo XIV. unerschütterlich überzeugt, nicht durch das bloße Einhalten von Verboten, sondern durch die vorbehaltlose Hingabe an den Nächsten, an die Schwachen und Ausgegrenzten unserer Gesellschaften.

Der Papst ermutigte die Jugendlichen, keine Angst vor verbindlichen Lebensentwürfen zu haben – im sozialen Engagement, in der Ehe und Familie oder auch im Dienst der Kirche als Priester und Ordensleute.

„Wenn ihr sein Evangelium mit klarem Verstand und reinem Herzen annehmt, werdet ihr verstehen, wie Jesus euch zum Dienst beruft. Es geht immer um Hingabe des Lebens: ganz und gar, treu und voller Liebe.“

Der Katholizismus ist nicht tot. In Frankreich nicht und in der Welt schon gar nicht. Er hat an diesem Abend im Stade de France ein frisches, junges und selbstbewusstes Gesicht bekommen.

700.000 Menschen bereiteten dem Papst dann gestern in Paris einen rauschenden Empfang. Am Abend reiste er weiter nach Lourdes, wo im Februar 1858 dem 14-jährigen Hirtenmädchen Bernadette Soubirous mehrfach die Gottesmutter Maria erschienen sein soll. Heute am Vormittag wird der Papst an der berühmten Grotte in Massabielle eine Messe feiern, zu der wieder Hunderttausende erwartet werden…

Bildquelle:

  • Papst_Leo_Grotte_Lourdes: screenshot ewtn

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.