Eine Nacht, wie keine andere…

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Liebe Leserinnen und Leser,

ich weiß noch, dass es wirklich kalt war in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989. Seit Stunden stand ich im Smoking mit einer übergeworfenen schwarzen Lederjacke, Kopfhörer auf dem Kopf, Mikrofon in der Hand, an der Bernauer Straße in Berlin und berichtete live für Radio Hundert,6 von dem Wahnsinn, der sich vor den Augen der ganzen Welt an diesem Grenzübergang gerade abspielte.

„Die DDR hat die Grenzen geöffnet, und die Leute strömen vom Ostteil der Stadt in den Westteil“, hatte mir mein Chef am Tisch im Vorbeilaufen zugerufen. Und weiter: „Trommeln Sie die Mannschaft zusammen!“ Eigentlich war 50. Geburtstag unseres Firmengründers Uli Schamoni, eine ziemlich dekadent-schöne, ja mondäne Veranstaltung mit Schampus, Bergen von Hummer, den Schöneberger Sängerknaben und Karl Dall. Aber das Fest war für uns Reporter in diesem Augenblick vorbei.

Manchmal erzähle ich unseren eher gelangweilten Kindern über diese Nacht, die der Höhepunkt meines Berufslebens werden sollte. Die Generation unserer Eltern erzählte uns früher vom Krieg, wir erzählen von dieser einzigartigen Nacht, in der sich die Deutschen aufmachten auf den Weg zur Wiedervereinigung unseres Landes nach langen 28 Jahren der Trennung, nach Mauer, Schießbefehl und so viel Leid.

Der Platz hier reicht nicht aus, um alles zu erzählen, was ich in dieser Nacht und in den Wochen und Monaten danach erleben durfte. So viele neue echte Freunde bis heute habe ich kennengelernt, so viel Herzlichkeit, so viel neue Einblicke in das Leben der Anderen. Es sind diese kleinen Dinge, die den November 1989 und danach unvergesslich machen. Der Kellner im Ratskeller in Magdeburg, wo ich einen Termin mit einem Geschäftspartner von Gruner & Jahr hatte. Wir stolzierten da mittags in den riesigen Gastraum, wo wirklich niemand saß. Kein Einziger. Und als wir uns anschickten, an einem Tisch Platz zu nehmen, eilte ein Kellner herbei und forderte uns auf, zurück zur Tür zu gehen, da wir von dort aus „platziert“ würden. Und von meiner Redaktionskollegin, Mädchen aus Ost-Berlin, die mich ein Wochenende an die Ostsee einludt und schnurstracks zum FKK-Strand schleppte. Von der Bootstour im Ruderboot kann ich hier keine Details schreiben, weil Mark Zuckerbergs Zensoren dann hyperventilieren. Aber ja, es war nicht alles schlecht damals…

Die Deutsche Einheit war immer mein politischer Lebenstraum. Schon als 16-jähriger fand ich es unnätürlich, dass da eine Mauer mitten durch unser Land gezogen war und Menschen mit gleicher Geschichte, Sprache und Kultur trennte. Und dass Leute, die ihr Land verlassen und rübermachen wollten, in den Rücken geschossen wurden. Die Existenz des SED-Staates war für mich der Anlass als 16-Jähriger überhaupt politisch aktiv zu werden. Und mit dem November 1989 hatte ich für ein paar Momente den schönen Traum, dass nun alles gut ist, Deutsche aus Ost und West einig Vaterland. Aber nichts ist gut, und ich bedauere das sehr. Ohne jede Schuldzuweisung, denn es waren nicht nur die Besten, die aus dem Westen als Glücksritter in die DDR gingen.

Als am 1. Oktonber 1989 der erste Zug mit ostdeutschen Landleuten im bayerischen Hof ankam und von den Einheimischen begeistert empfangen wurde, saß ich in meinem Hotelzimmer in Berlin vor dem Fernsehapparat und weinte. Einfach nur Wahnsinn. Und als Helmut Kohl im Dezember 1989 seine großartige Rede vor der Dresdner Frauenkirche hielt, hörten wir alle auf zu arbeiten und standen vor den Bildschirmen im Sender, kein Mucks war zu hören, alle hatten einen Kloß im Hals. Und als am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstag der Klang der Freiheitsglocke vom Schöneberger Rathaus erklang, und unsere gemeinsame schwarz-rot-goldene Fahne aufgezogen wurde, setzte ich auf der Pressetribüne meinen Kopfhörer ab und packte mein Mikrofon zur Seite, legte die rechte Hand auf mein Herz und sang wie Hunderttausende andere in der gewaltigen Menschenmenge laut „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland…“

Lassen wir uns – bei allen Schwierigkeiten – das Geschenk, das uns heute in dieser Nacht vor 33 Jahren zuteil wurde, nicht wieder aus den Händen reißen!

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.