Abenteuer Bahn

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Liebe Leserinnen und Leser,

einen herzlichen Gruß Ihnen allen aus dem ICE 545 von Marrakesch Hbf nach Berlin-Ostbahnhof!

Also nicht wirklich natürlich, aber wenn Sie im bunten Gewimmel auf einem Bahnsteig in Duisburg stehen, dann denken Sie unwillkürlich: So muss es in Marrakesch aussehen. Das ist anders als am Hauptbahnhof Krefeld, wo es eher um ein präkeres Publikum geht und Menschen in den Gängen einfach herumliegen, und mancher Bahnkunde dann kurz stehen bleibt, um zu schauen, ob die noch atmen. Oder wo man alle paar Meter von ausgemergelten Gestalten angesprochen wird, die nach „einem Euro für Essen“ fragen.

Aber Duisburg ist anders, hier ist die Welt zu Hause, hier ist immerhin noch die Hälfte der Menschen auf dem Bahnsteig hellhäutig, und am Sprachenwirrwarr um mich herum – englisch, italienisch, holländisch – konnte ich mich vergewissern, dass ich wohl noch irgendwo in Europa sein muss. Deutsch sprach mich nur ein Vater an, der mit seinen beiden Kindern und Rucksack fragte, ob ich Genaueres über die geänderte Wagenfolge wisse. Sonst Mulitkulti, bunte Vielfalt.

Nach mehreren längeren Autotouren in den vergangenen beiden Wochen, wollte ich mal wieder bequem und gemütlich zu einem Ziel gefahren werden und meine Bahncard nutzen. Auf unserem Kleinstadtbahnhof funktionierte der Fahrkartenautomaten nicht, aber 800 Meter entfernt auf dem anderen Gleis stand noch einer, der dann meine ec-Karte doch akzeptierte. Ich bin auf dem Weg nach Berlin, weil ich eingeladen bin, dort nachher vor einem größeren internationalen Auditorium zu sprechen. Da ist die Bahn eine sichere Bank für die Anreise, oder?

Im Regionalzug der Nord-West-Bahn war ich überrascht, dass die automatischen Türen funktionierten, allerdings hing ein Schild im Wagen, dass die Toiletten leider außer Betrieb sind. Und da ich nicht „musste“, betrachtete ich den Beginn meiner Reise als gelungen. Die Schaffnerin – sagt man das noch so? – wurde begleitet von zwei DB-Security-Mitarbeiter in gelben Westen. Vielleicht, weil sie ständig junge mürrische Menschen ermahnen muss, die Mund-Nasen-Maske auch tatsächlich über die Nase zu ziehen.

Nach zehn Minuten war ich in Krefeld, dort erfuhr ich per Anzeigetafel, dass mein Anschlusszug leider ausfalle wegen einer Störung im Betriebswerk irgendwo. Ich zum Reisezentrum, um zu fragen, wie ich nach Berlin komme jetzt. Aber das war leider noch geschlossen. Manteltarifvertrag und so…

Also den nächsten Regionalzug nehmen – Zeit für einen Kaffee und ein Schinken-Käse-Croissant – und dann ab auf den nächsten ICE. Für die ersten etwa 35 Kilometer schon mal eineinhalb Stunden Verspätung. Der 545 ist total überfüllt, und die Aussicht, dreieinhalb Stunden auf dem Mittelgang zu stehen, reizt mich wenig. So also in Hamm raus und einfach den nächsten ICE nach Hannover. Das ist wenigstens die richtige Richtung, und er wird in Hannover deutlich früher ankommen, dann mein erster ICE in Hamm etwa 45 Minuten stehen muss, da ein weiterer Zugteil angehängt wird, der aber noch nicht da ist. Thänk ju for träwwelling mit Deutsche Bahn.

Wenn ich in Hannover nicht zeitnah einen Anschluss-Schnellzug nach Berlin bekomme – isch schwör‘ – dann nehme ich mir am Bahnhof dort einen E-Roller und fahre damit über die A2 in die Hauptstadt.

Noch habe ich einen Zeitpuffer von 45 Minuten bis zu meiner Rede nachher. Aber bei vier Stunden verbleibender Fahrzeit, kann niemand wissen, ob das klappt. Die Bahn führt immer, Sie wissen schon…nur nicht immer pünktlich. Ich bin wirklich nicht der Typ Dauernörgler, der sich über dies und das empört, einfach weil er sich empören will. Aber was die Bahn ihren Kunden zumutet, das geht überhaupt nicht. Ich versuche es immer wieder mal, weil es ja auch schön, wenn man sitzen und einen Kaffee trinken kann und dabei mit dem Laptop ein bisschen arbeiten. Aber wenn sie die ganze Fahrt damit beschäftigt sind, alle Möglichkeiten, auszusteigen, umzusteigen oder ganz neu zu planen, im Blick haben müssen, dann macht es auch keinen Spaß mehr. Nächste Fahrt definitiv wieder mit meinem BMW. Der hat gerade neue Bremsscheiben bekommen, und ich muss keine Maske tragen….

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.