Abkürzungsfimmel (Aküfi) mit G: 1G, 2G, 3G?

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von THOMAS PAULWITZ

BERLIN – „Alles mit G“ heißt ein berühmtes Stück des begnadeten Komikers Heinz Erhardt aus den 1950ern. Darin spielt er einen Liebhaber, der beim Schäferstündchen mit seiner Geliebten von ihrem Ehemann überrascht wird. Der Witz: Alle Wörter in dem Stück, die scheinbar aus dem Stegreif improvisiert werden, beginnen mit dem Buchstaben „G“. So rechtfertigt sich Erhardt gegenüber dem gehörnten Ehemann zweimal mit 3G: „Gespräch gänzlich geschäftlich!“ Und: „Gewürzgurkengeplauder!“ (Großes Gelächter.)

Auch heute ist „alles mit G“, aber es ist alles andere als eine Komödie. „Der gelinde stumme Kehllaut“, wie ihn die Brüder Grimm bezeichneten, ist in aller Munde: Von 3G und 3G+ über 2G, 2G+ bis hin zu 1G reicht der Abkürzungsauswuchs eines bürokratischen Regulierungsüberschwangs. Die Folge: Kaum einer hat noch den Überblick, welche Gs zu welcher Zeit an welchem Ort in welchem Bundesland gerade gelten. Um die Verwirrung vollständig zu machen, haben die Österreicher für unser 3G+ einen eigenen Ausdruck: 2,5G.

3G: „geimpft, genesen, gestorben“?

Dabei ist nicht immer klar, wofür diese Gs eigentlich stehen sollen. Bundes-„G“-Sundheitsminister Jens Spahn fügte unlängst der Bezeichnung 3G eine neue Bedeutung hinzu. Am Ende dieses Winters sei wahrscheinlich jeder in Deutschland „geimpft, genesen oder gestorben“, erklärte er am 22. November auf der Bundespressekonferenz. Demnach hätte sich dann das dritte G für „getestet“ erledigt, wobei „gestorben“ bislang eigentlich eher als Zutrittsvoraussetzung für den etwas tiefer gelegenen Bereich auf den Friedhöfen gegolten hatte. Es entspricht aber dem gruseligen Untergangsgeraune seines Untergebenen Lothar Wieler. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) malte kürzlich „ein sehr schlimmes Weihnachtsfest“ an die Wand, und er meinte damit nicht einen Mangel an G-Schenken.

Böse Zungen wiederum behaupten, 2G stehe für „gehirngewaschen“. Das fand jedenfalls der Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth heraus, der diese eigenwillige Entschlüsselung der „Sprache der neuen Rechten“ zuschreibt. Alte Unrechte sollten diese Übersetzung also vermeiden.

Was AHA+A+L-Regel und LGBTQIA* gemeinsam haben

Die schon viel länger bestehende AHA-Regel hat bereits einen Bedeutungswandel hinter sich. Das dritte „A“ steht nicht mehr für „Alltagsmaske“, sondern für „Alltag mit Maske“, wie derzeit auf der Begrüßungsseite des RKI zu erfahren ist. Schuld daran ist die Abkürzung FFP2. Weil der Amtsschimmel unseren Alltag außerdem mit immer neuen Regeln bereichert, von denen wir schon als Kinder schlecht geträumt haben, ist aus der eingängigen Abkürzung AHA längst die „AHA+A+L-Regel“ geworden (zeitweise auch „AHA+C+L-Regel“): „Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Alltag mit Maske, Corona-Warn-App nutzen und Lüften“, ermuntert das RKI.

Solche Abkürzungsungetüme kannte man bisher eher von der Regenbogenfraktion, die erst von LGBT sprach, schließlich von LGBTQIA*, um nur ja niemanden auszuschließen. Fragen Sie bitte nicht, was diese englischen Abkürzungen bedeuten. Das Regenbogenportal des Bundesfamilienministeriums verwendet übrigens die deutschen Varianten LSBT, LSBTI, LSBTIQ und LSBTI*.

Abkürzungsverlängerungen sind stets mit Skepsis zu betrachten, nicht nur weil sie dem Sinn von Abkürzungen widersprechen, sondern auch, weil sie immer mehr verschleiern, wofür sie eigentlich stehen. Aus der Geschichte wissen wir zumindest, dass es dem Land nicht zum Guten gereicht, wenn Parteien regieren, die sich mit mehr als drei Buchstaben abkürzen.

Schluss mit dem Gewürzgurkengeplauder und zurück zu den Corona-Abkürzungen: Manche Beobachter machen die technokratische Sprache sogar dafür mitverantwortlich, dass deutschsprachige Länder im Vergleich zu anderen Ländern einen verhältnismäßig hohen Anteil Ungeimpfter haben. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ nennt das sogar einen „DACH-Schaden“ und findet dafür auch nur wieder eine Abkürzung, denn D-A-CH steht für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Zu all dem Abkürzungsfimmel möchte man nur noch rufen, ganz abkürzungsfrei: „Geh!“

Bildquelle:

  • Buchstabe_G: dpa
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