MARL – Nach wüsten Tumulten hat der größte AfD-Landesverband Nordrhein-Westfalen seinen Parteitag zur Aufstellung der Kandidaten für die Landtagswahl im kommenden Jahr fortgesetzt.
Eine Aufforderung des Bundesvorstands und ein entsprechender Antrag, den Parteitag in Marl abzubrechen, fanden keine Mehrheit. Die von Vertrauten der Bundessprecherin Alice Weidel orchestrierte Sabotage-Gruppe „Operation Filibuster“ gegen Landeschef Martin Vincentz scheiterte heute auf ganzer Linie.
Die Exponenten der Fundamental-Opposition gegen den Realo Vincentz verließen nach der Abstimmungsniederlage laut schimpfend den Saal. Damit ist der Weg frei für einen geordneten Fortgang des Parteitages, bei dem jetzt Wahlgang um Wahlgang die Landesliste ohne Reibereien aufgestellt wird.
Vincentz hatte nach der gestrigen Aufforderung des Bundesvorstands, den Parteitag der Nordrhein-Westfalen abzubrechen und neu anzusetzen, diese in Abstimmung mit seiner Vorstandsmehrheit brüsk zurückgewiesen. Seltsam: In einer Abstimmung des AfD-Bundesvorstands folgten viele dieser Empfehlung, was keinerlei Rechtswirkung hat und die Frage aufwirft, was eigentlich Sachsen und Mecklenburg mitzureden haben, wenn NRW seine Landtagskandidaten nominiert.
Vincentz argumentierte gegen die konzertierte Aktion gegen ihn, ein Abbruch des Wahlparteitags in Marl würde schwerwiegende Folgen für die AfD bei der Landtagswahl im kommenden Jahr haben. Man werde das Verfahren jetzt wie geplant und rechtlich einwandfrei fortsetzen und abschließen: „Selbst für den Fall, dass mich das meinen Kopf als Landessprecher kostet.“ Die Landesdelegierten quittierten das mit lautem Beifall und deutlicher Zustimmung.
Vincentz hatte in der Woche in einem Brief an die Mitglieder des Bundesvorstands schwere Vorwürfe gegen Alice Weidel erhoben: Die „Sabotageaktion in Marl“ finde „im Auftrag“ des „Weidel-Helferich-Lagers“ statt, schreibt er. Und: „Wir sind fassungslos, dass sich eine Bundessprecherin nicht klar von derartigen undemokratischen, Antifa-ähnlichen Auswüchsen distanziert.“
Auch der Vize-Landeschef Kay Gottschalk, bis Anfang Juli selbst Vize-Bundeschef der AfD, spricht von einer „planmäßigen, vorsätzlichen und zielgerichteten Sabotageaktion gegen unsere Listenaufstellung, ausgehend vom obersten Parteigremium und durchgeführt von einer kleinen, destruktiven Minderheit“.
Es geht bei den aktuellen Scharmützeln in Marl nicht nur um eine Listenaufstellung, es geht nicht einmal nur um Martin Vincentz, sondern es geht um die Seele und Zukunft der AfD.
Es geht darum, ob sich die AfD selbst regierungsfähig machen kann, ob sie die Kraft aufbringt, ihre völkischen Lautsprecher wie Matthias Helferich und die Putin-Lobbyisten an den Rand oder bestenfalls rauszudrängen, damit die Partei über ernsthafte Realpolitik den Weg zu neuen Mehrheiten in Deutschland ebnen kann.
Und hinter den Kulissen geht es auch um knallharten Machtpoker
Wer sich als politischer Feinschmecker in den Kulissen der Bundes-AfD umhört, der weiß, dass Weidel schon lange den Sturz von Vincentz betreibt. Zu souverän, zu stark mit seinem Landesverband, der mehr Mitglieder hat als alle ostdeutschen Landesverbände zusammen.
Das macht den Höcke-Schnellroda-Netzwerken Angst.
Aber wie immer bei der AfD: Wenn es um die innerparteiliche Macht geht, dann bilden sich erstaunliche, teils verstörende Bündnisse, die dann auch wieder überraschend zerbrechen. So galt etwa Tino Chrupalla bis gestern Abend als Unterstützer von Vincentz, bis er dann der Aufforderung des Weidel-Bundesvorstands zustimmte und den Abbruch des NRW-Parteitages forderte.
Und Alice Weidel, die bisweilen brillante Debattenrednerin, das bürgerlich-urbane Gesicht der AfD, beruflich erfolgreich, international, gleichgeschlechtlich verheiratet – das perfekte Gegenmodell zur Jogginghosen-Fraktion in Thüringen und Sachsen-Anhalt –, die zeigt in diesen Tagen und Wochen ein Gesicht, das viele von ihr nicht kannten und das in der Partei, die ihr bisher zu Füßen lag, nicht überall gut ankommen wird.
Dr. Martin Vincentz hingegen traut sich was, „er zieht jetzt durch“, wie einer aus dem NRW-Landesvorstand sagte. Und er weiß, dass es alternativlos ist. Offene Feldschlacht mit der Gefahr zu scheitern. Aber diese Gefahr besteht nun auch für Alice Weidel – zum ersten Mal, seit sie an die Spitze von Partei und Fraktion gewählt wurde.
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- AfD-Wahlplakat: adobe.stock/achim wagner
