von KLAUS KELLE
PARIS/BERLIN – Dieser 22. September 1984 wird Millionen Menschen für immer in Erinnerung bleiben. Ein grauer Himmel, es regnete, und vor dem sogenannten „Beinhaus“ von Douaumont standen zwei Männer. Zwei echte Staatsmänner, wie wir sie heute viel mehr brauchen könnten: der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Präsident François Mitterrand. Während die Totenklage erklingt, geschieht etwas Unerwartetes, etwas, das nicht geplant war: Mitterrand reicht Kohl die Hand, und dieser ergreift sie. Minutenlang verharren die beiden Männer so – schweigend, Hand in Hand über den Gebeinen derer, die sich einst als „Erbfeinde“ gegenüberstanden.
Vor Jahren haben mir alte Männer, ehemalige Frontsoldaten, davon erzählt, wie sie bei diesem Anblick in Tränen ausbrachen. Sollte es wirklich vorbei sein mit der Erbfeindschaft zwischen Franzosen und Deutschen, die über Generationen dauerte und so viel Leid hervorgebracht hatte?
Das Beinhaus (französisch: Ossuaire) ist eine Sammelstätte für Gebeine. Denn nach dieser letzten großen Schlacht waren die Felder um Verdun herum übersät mit sterblichen Überresten.
Da eine Identifizierung bei über 130.000 Soldaten oft unmöglich war, sammelte man deren Knochen und bewahrte sie in den Gruften dieses Gebäudes auf. Ein schauriger Platz der Erinnerung und eine gigantische Grabstätte für die unbekannten Soldaten unserer beider Nationen. Tatsächlich können Besucher durch kleine Fenster im Sockel des Gebäudes von außen sogar die riesigen Haufen dieser Gebeine sehen.
Kohl und Mitterrand schufen durch ihre Geste unbewusst das, was Historiker später als den Gründungsmythos der modernen europäischen Identität bezeichnen sollten.
Das war nicht einfach Diplomatie; es war das unmissverständliche Bekenntnis zweier großer Staatsmänner, dass auch eine jahrhundertelange Feindschaft zwischen großen Nationen endgültig zu besiegen ist.
Aber warum gerade Verdun?
Um die unglaubliche Macht dieses Händedrucks über den Gräbern zu verstehen, muss man in das Jahr 1916 zurückschauen. Am 21. Februar begann dort eine der grausamsten Schlachten der Weltgeschichte. Die deutsche Oberste Heeresleitung wollte die französische Armee „ausbluten“ lassen. Über zehn Monate fraß die „Hölle von Verdun“ rund 700.000 Menschenleben. Es war eine industrielle Vernichtung ohne nennenswerten Landgewinn – ein reiner, menschenverachtender strategisch völlig unsinniger Materialkrieg, der die Sinnlosigkeit von Nationalismus deutlich machte wie kaum etwas Vergleichbares.
Und die Nationalsozialisten instrumentalisierten die Schlacht später für ihre Zwecke. Die Nazis beschworen den „Geist von Verdun“ und das Fronterlebnis der deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs; sie stilisierten die blutigen Geschehnisse zu einem Kult der Härte und des Opfertods hoch. Anstatt aus dem Wahnsinn von 1916 zu lernen, nutzten sie das Trauma, um Revanchegedanken zu schüren und den nächsten, noch furchtbarereren Vernichtungskrieg zu rechtfertigen. Wir alle wissen, wohin das führte: zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust.
Der Handschlag von 1984 war die finale Antwort auf die Schützengräben von 1916: Lasst uns alte Feindschaften aufgeben und ein gemeinsames, starkes Europa bauen. Kein bürokratischer Moloch, keine Beutegemeinschaft von Politikern und keine „woke“ Versuchsanstalt, sondern das Rückgrat eines freien und demokratischen, eines wirtschaftlich und militärisch starken Europas.
Bildquelle:
- Mitterand_Kohl_1984: bundesbildstelle
