Bald haben wir es geschafft mit Corona? Ich glaube, es beginnt jetzt erst richtig

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das Corona-Desaster wird immer schlimmer. Hat man uns vor Monaten gesagt, wir müssten nur zwei Mal geimpft sein, dann wäre alles wieder gut, so überschlagen sich heute die Krisenmeldungen. Das Coronavirus ist nicht nur da, es wird nicht nur bleiben, es ergeift wie eine Krake immer mehr Lebensbereiche von Ihnen und mir – egal, ob geimpft oder nicht.

Schauen Sie sich nur mal die Nachrichten aus den vergangenen Stunden an:

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die neue Corona-Variante B.1.1.529 als «besorgniserregend» eingestuft.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagt, die Lage sei so ernst wie noch zu keinem Zeitpunkt in der Pandemie.

Die USA, Deutschland und andere europäische Länder schränken Flugreisen in südafrikanische Länder massiv ein.

In Südafrika ist eine neue Variante des Sars-CoV-2-Erregers auf, die Experten als höchst besorgniserregend einstufen.

Leere Ränge beim Bundesliga-Spiel in Leipzig.

Die neue möglicherweise gefährlichere Coronavirus-Variante aus Südafrika hat den Dax auf Talfahrt geschickt, er sackte um 4,15 Prozent auf 15.257,04 Punkte ab.

Und so weiter und so weiter – alles dreht sich um Corona, nicht anderes ist mehr relevant. Ich war gestern in Stuttgart – furchtbare Stadt übrigens, unglaublich, dass sich die Leute dort diesen Fahrspur-Wahnsinn und die künstliche Verknappung von Parkplätzen gefallen lassen. Restaurantbesuch – Maske, Impfausweise – inzwischen Normalität. Danach Besuch bei einem alten Freund, der Corona auch heute noch für Quatsch hält und ungeimpft bleibt. „Lieber sperre ich mich zu Hause ein, als dass ich das da draußen mitmache“, sagt er im Brustton der Überzeugung.

Endlich im Auto und raus aus dem hässlichsten Parkhaus aller Zeiten – bei Galeria Kaufhof – Dreck, falsche Ausschilderung, Kassenautomaten da, wo man sie nicht braucht, ekelhaft. Telefonat mit einem Freund, der morgen wie ich zu einer privaten Geburtstagsparty eingeladen ist, gestern aber positiv auf Corona getestet wurde. Weil es aber nur ein „bisschen positiv“ war – wohl ähnlich wie ein bisschen schwanger – geht er nachher nochmal in eine Apotheke und lässt sich ein zweites Mal testen. Ich hoffe, er wird dabei sein am Abend.

Nächstes Telefonat, ein alter Freunde, Offizier der Bundeswehr, ist richtig deprimiert. Er will sich nicht impfen lassen, aber alle Soldaten haben den Befehl bekommen, zur Impfung anzutreten. Er schildert mir die verschiedenen Stufen an Sanktionen bis hin irgendwann zur Degradierung, was bei einem Offizier mit mehreren Auslandseinsätzen ein erheblicher Einkommensverlust ist. „Ich will nicht, dass sie mir diesen Impfstoff in die Venen schießen“, schimpft er und siniert darüber, den Dienst zum Jahresende zu quitieren. Nur, was macht er dann? Er hat nur Soldat gelernt, er ist ein guter Soldat und hat unserem Vaterland treu gedient. Jetzt wird er behandelt wie ein Schuljunge, der sich vor der ganzen Klasse für das Vergessen einer Hausaufgabe rechtfertigen muss.

Corona ist nicht fast vorüber, ich habe den Eindruck, es beginnt jetzt erst richtig. Und was mache ich nachts um ein Uhr, wenn Sie alle friedlich schlafen? Klar, ich schreibe eine Kolumne über Corona.

Passen Sie gut auf sich auf!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.