Buchkritik: Der Verrat am „C“

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von THOMAS DÖRFLINGER

BODNEGG – Ein gutes Jahr, nachdem er sein Parteibuch nach 43 Jahren Mitgliedschaft zurückgegeben hat, folgt nun die schriftliche Bilanz: „Der Verrat am C“ hat Eugen Abler aus dem oberschwäbischen Bodnegg sein Buch überschrieben. Auf 320 Seiten blickt der heute 69jährige zurück – auf sein politisches Wirken in der Kommunalpolitik und in diversen Parteigremien. Abler hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, ein Überzeugungstäter, dem seine Botschaft wichtiger war als die Frage, ob er dafür Beifall erhält. Der Kardinalfehler der CDU, so Ablers Kernbotschaft, liege darin, dass man sich Zug um Zug vom „C“ entfernt habe, und diese Entwicklung hat für den gelernten Postboten, der es bis zum Controller eines mittelständischen Unternehmens gebracht hat, auch einen Namen: Angela Merkel.

Als Eugen Abler zwischen Kuba-Krise und Mauerbau politisch sozialisiert wird und sein Interesse für die Kommunalpolitik entdeckt, sind es zunächst die Freien Wähler, auf deren Liste er den Sprung in den Rat schafft. Dass er 1977 bei den Christdemokraten kandidiert, schreibt er selbst neben dem Vorbild des heimischen Bundestagsabgeordneten Claus Jäger dem Einfluss Helmut Kohls und Hans Filbingers zu – „Freiheit statt Sozialismus“ eben. 100 Jahre früher hätte man Abler in Kirchenkreisen wie sein Vorbild Adolph Kolping zu den „Ultramontanen“ gerechnet, also zu jenen, die treu zum Papst und zum Lehrauftrag der Kirche stehen.

Folglich setzt sich der Oberschwabe auch kritisch mit der deutschen Amtskirche auseinander. Ihr Widerstand gegen die „Ehe für alle“ sei kaum hörbar gewesen, der Gender-Ideologie füge sie sich inzwischen fast widerstandslos. Stark ist Ablers Buch besonders dort, wo er auf die katholische Soziallehre zu sprechen kommt. Der Zusammenklang von Freiheit und Verantwortung als Gegenentwurf zur „Geiz-ist-geil-Mentalität“; die Solidarität, die nicht nur den paternalistischen Staat meint, sondern auch die Eigenverantwortung der Bürger; die Personalität, die das Eintreten für den Lebensschutz gerade der Ungeborenen einfordert; die Subsidiarität, die dem Bürger eigentlich etwa in der Besteuerung durch den Staat größtmögliche Freiheit einräumt statt zu seinen vermeintlichen Gunsten möglichst komplizierte und teure Umverteilungssysteme zu errichten. Nicht von ungefähr erinnert Eugen Abler deshalb an die Steuerpläne Paul Kirchhoffs, die seinerzeit auch Beifall aus Baden-Württemberg, etwa von Erwin Teufel fanden. Blickt man heute auf die steuerpolitischen Vorstellungen der CDU, darf man in Anlehnung an Abler feststellen, dass diese deutlich näher bei Olaf Scholz als zum CDU-Mitglied Kirchhoff liegen. Keine Spur mehr vom finanzpolitischen Ehrgeiz eines Gerhard Stoltenberg…

Es überrascht nicht, wenn Abler die Kehrtwende in der Familienpolitik, die Abschaffung der Wehrpflicht, die überstürzte Energiewende oder die Migrationspolitik von 2015ff. als weitere Gründe nennt, die ihn aus der CDU getrieben hätten. Er dürfte beileibe auch nicht der Einzige sein. Was er formuliert, klingt meistens nicht nach Abrechnung oder Verbitterung; viel schlimmer: es klingt desillusioniert. Klassisches Bekenntnis eines Heimatlosen also. Spätestens hier wird das Buch auch für Nicht-CDU-Mitglieder interessant. Es ist die Diagnose, dass die CDU-Vorsitzende Merkel, wenn sie diesen Job je wirklich gemacht hat, in einer zentralen Aufgabe gescheitert ist. Sie hat ihre Partei und deren Programmatik auf ein Vehiculum für den Erhalt ihrer Kanzlerschaft reduziert. Leute wie Abler sind auf der Strecke geblieben. Für Merkels Machterhalt waren sie auch nicht wichtig.

Man muss Eugen Ablers Positionen nicht teilen. Aber wir dürfen zur Kenntnis nehmen, dass nichts daran antidemokratisch oder sonstwie verwerflich ist. Solche Meinungen muss man in der Demokratie aushalten können, und sie müssen im demokratischen Parteienspektrum abgebildet werden. Wenn Abler gleichzeitig berechtigte Zweifel an der AfD hat, dann bleibt für ihn und andere ansonsten am Wahltag nur der Würfel oder die Wahlenthaltung. Für die Demokratie ist das nicht gut – das ist die eigentliche Kernbotschaft des Buches.
Eugen Abler, „Der Verrat am C“, erschienen im Gerhard-Hess-Verlag in Bad Schussenried, 320 Seiten und kostet 19,90 €.

Bildquelle:

  • Abler_Buch: hess verlag
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