Cancel Culture a`la CDU – „Nicht mehr anders als die Linken“

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Liebe Leserinnen und Leser,

viele von Ihnen, die seit Jahren meine publizistische und politische Arbeit verfolgen, wissen, dass ich auch nach vielen Jahren immer wieder noch ein Fünkchen Hoffnung aufzubringen vermochte, es könne vielleicht doch noch ein Wunder geschehen und ein Bruch mit den düsteren Jahren unter Merkel und ihren Handlangern in der CDU geben. Und als Friedrich Merz dann – endlich – in den Ring stieg und den Kampf um die Parteispitze aufnahm, da war ich wirklich froh, dass es vielleicht irgendwann mal wieder die erfolgreiche bürgerliche Volkspartei der Mitte geben könnte, gespeist aus drei Denkrichtungen: der christlich-sozialen, der liberalen und der konservativen. Die Ballance in der Mitte der Gesellschaft, die Kunst des Ausgleichens und zum Wohle des Landes zu entscheiden – das war einmal ihr Erfolgsrezept.

Merz verlor im ersten Anlauf gegen Annegret Kramp-Karrenbauer, und dann noch ein zweites Mal gegen den für jeden ersichtlich total überforderten Rheinländer Laschet, der dann auch noch Kanzlerkandidat wurde und die Union in ein Desaster nicht vorstellbaren Ausmaßes bei der Bundestagswahl führte. Erst dann kam die Stunde des Friedrich Merz, des Wirtschaftsexperten, des Repräsentanten der Unternehmer und Konservativen der „alten CDU“, des Mannes, der uns vor Jahrzehnten so begeistert hatte. Er würde dafür sorgen – so dachten Naive wie ich – das alles wieder gut wird.

Vergessen Sie es!

Friedrich Merz ist ein durchaus respektabler Oppositionsführer, rhetorisch weit vorn bei Debatten im Bundestag. Aber er sitzt einer Partei vor, die nicht mehr so ist, wie die alte CDU. Und Wahlen gewinnt nicht er, sondern Linksausleger vom Schlage Günther.

Die Absage einer Diskussionsveranstaltung mit Henryk M. Broder und dem bekannten Hamburger Rechtsanwalt und Facebook-Jäger Joachim Nikolaus Steinhöfel macht mich sowas von fassungslos, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Erst kürzlich hatte der CDU-Chef noch öffentlich beklagt, dass in Deutschland „Cancel Culture“ herrsche, dass unliebsame Meinungen vom linksgrünen Juste Milieu aus dem Diskurs gedrängt würden. Und dann macht eben dieser Friedrich Merz das selber? Weil Steinhöfel AfD-Politiker vor Gericht vertreten hat? Schon mal was von Rechtsstaat gehört, Herr Merz?

Otto Schily hat vorher auch als Rechtsanwalt linke Terroristen vor Gericht vertreten. Dafür gibt es ja Anwälte. Manche verteidigen auch Kinderschänder und Mörder und Vergewaltiger. Jeder hat in einem Rechtsstaat Anrecht auf anwaltliche Vertretung. Und dann sagt der Vorsitzende einer Partei, die die Regierung wieder führen will, mit einer solchen Begründung ab? Oder weil Henryk M. Broder, einer der scharfzüngigsten und klügsten Köpfe, die wir überhaupt haben, es wagt, den Mund aufzumachen. Cancel-Culture à la CDU?

Bei der Veranstaltung wollte sich Friedrich Merz eigentlich mit dem republikanischen Senator Lindsey Graham verabredet treffen, einem kernigen Trump-Unterstützer. Und ein Sprecher der CDU teilte nach der Absage der Diskussionsrunde mit, dieses Treffen zwischen Merz und Graham werde aber dennoch stattfinden. Die Klatsche folgte auf dem Fuß.

Am Abend, so erfuhr die BILD, sagte der US-Senator: „Ich habe nicht vor, Herrn Merz zu treffen.“

Und weiter:

„Bei Konservativen geht es um einen offenen, ehrlichen Dialog, in dem Standpunkte dargelegt werden und die Menschen zusammensitzen und einander zuhören.“ Graham führte aus, Konservative würden sich „nicht gegenseitig canceln, bevor sie sprechen“. Das sei ein Markenzeichen demokratischer und konservativer Prinzipien. Folge man den Prinzipien nicht, „dann sind wir nicht anders als die Linken“.

Amen!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.