Das „Karfreitagsgefecht“ vom 2. April 2010: Der Tod dreier tapferer Soldaten war eine Zäsur für die Bundeswehr

Zerstörtes Bundeswehr-Fahrzeug vom Typ "Dingo" nach dem Karfreitagsgefecht in Afghanistian.

von KLAUS KELLE

BERLIN – Die Sonne soll schon recht hoch gestanden haben über der nordafghanischen Steppe, als am Morgen des 2. April 2010 die gepanzerten „Dingos“ aus dem Feldlager der Bundeswehr in Kunduz rollten.

Die 34 Männer der 1. Infanteriekompanie des Fallschirmjägerbataillons 373 aus Seedorf hatten an diesem Karfreitag einen Routineeinsatz vor sich – kein Grund zu übertriebener Besorgnis. Ihr Auftrag: Aufklärung und Beseitigung von IEDs (unkonventionelle Sprengvorrichtungen) in der Nähe der Ortschaft Isa Khel.

Die Fahrt führte die Männer nur etwa sechs bis acht Kilometer westlich des Feldlagers in den Distrikt Chahar Darreh, eine als „Unruheherd“ bekannte Region, die von den islamistischen Taliban oft als Rückzugsraum genutzt wurde. Niemand ahnte, dass die Kolonne mit den Bundeswehrsoldaten auf eine sorgfältig vorbereitete Todesfalle zusteuerte. Gegen 13 Uhr Ortszeit brach dann die Hölle los.

In einer Senke nahe Isa Khel gerät die Spitze der Patrouille unter massives Feuer. Es sind keine vereinzelten Schüsse, sondern ein koordinierter Angriff aus drei Richtungen. Etwa 40 bis 80 entschlossene Taliban-Kämpfer hatten sich in Gebäuden (Qalats) und hinter Bewässerungsgräben verschanzt. Sie nutzten Handfeuerwaffen, Scharfschützengewehre und die gefürchteten Panzerfaustgranaten (RPG).

Die Fallschirmjäger sitzen ab, suchen Deckung hinter den Dingos und erwidern das Feuer. Doch die Taliban haben den Vorteil der Ortskenntnis und des Überraschungsmoments. Die deutschen Soldaten sind eingekesselt. Schon in den ersten Minuten gibt es Schwerverwundete. Ein Dingo wird durch eine ferngezündete Sprengfalle schwer beschädigt; die Kommunikation ist durch das Gelände und den Stress erschwert.

Warum Hilfe auf sich warten ließ

Die Frage, warum nicht sofort massive deutsche Verstärkung zugeführt wurde, ist komplex. Zwar wurden Reserven im Feldlager Kunduz alarmiert, doch die Verlegung schwerer Einheiten in das unübersichtliche, verminte Gelände dauerte Stunden. Die Bundeswehr verfügte zu diesem Zeitpunkt in Kunduz nicht über die nötige Luftunterstützung durch eigene Kampfhubschrauber oder Erdkampfflugzeuge.

In dieser Notlage wurden alliierte Kräfte zur Hilfe gerufen. US-Kampfjets vom Typ F-15 überflogen die Kampfzone für eine „Show of Force“. Sie konnten aber aufgrund der extremen Nähe zwischen Freund und Feind – teils nur 20 bis 30 Meter – keine Bomben abwerfen, ohne das Leben der deutschen Soldaten zu gefährden. Die Rettung aus der Luft kam schließlich in Form von US-amerikanischen MEDEVAC-Hubschraubern („Black Hawks“). Die Piloten gingen unter Missachtung ihrer eigenen Sicherheit in den Sturzflug, um die Verwundeten unter feindlichem Beschuss zu evakuieren – ein Einsatz, für den sie später hoch geehrt wurden.

Die Tragödie des „Friendly Fire“

Während die deutschen Fallschirmjäger in Isa Khel um ihr Leben kämpften, rückte eine deutsche Verstärkungseinheit mit Schützenpanzern vom Typ „Marder“ zur Unterstützung aus. In der flirrenden Hitze und unter extremem psychischem Druck kam es dann zur nächsten Katastrophe: Die Besatzung eines Marders identifizierte eine Gruppe Bewaffneter fälschlicherweise als Taliban-Verstärkung. Es handelte sich jedoch um Soldaten der afghanischen Nationalarmee (ANA). Das Feuer wurde eröffnet, sechs afghanische Verbündete starben im Kugelhagel. Dieser Vorfall belastete anschließend das ohnehin angespannte Verhältnis zu den lokalen Partnern massiv.

Gegen 21 Uhr, nach über acht Stunden ununterbrochenem Feuerkampf, gelang der Ausbruch. Die Bilanz war verheerend: Drei junge Männer – Nils Bruns, Robert Hartert und Martin Augustyniak – kehrten nicht lebend zurück. Acht weitere waren verwundet, einige davon so schwer, dass sie bleibende körperliche und seelische Schäden davontrugen.

Das Gefecht änderte alles. In Deutschland löste es eine Schockwelle aus. Verteidigungsminister zu Guttenberg durchbrach das politische Tabu und sprach erstmals offiziell von einem „Krieg“, in dem man sich am Hindukusch befinde – ein Wort, das bis dahin offiziell vermieden worden war. In der Folge wurde die Ausrüstung der Bundeswehr massiv verbessert (Einführung des Schützenpanzers Puma, bessere Westen, Panzerhaubitzen).

Heute ist das „Karfreitagsgefecht“ ein Symbol für die Härte des Afghanistan-Einsatzes. Jedes Jahr am Karfreitag gedenken Soldaten und Zivilisten beim „10K3-Gedenkmarsch“ ihrer gefallenen Kameraden. In Seedorf und im „Wald der Erinnerung“ bei Potsdam erinnern Stelen an die Männer, die in den staubigen Gräben von Isa Khel ihr Leben ließen:

Hauptfeldwebel Nils Bruns (35)

Nils Bruns stammte aus Bad Bevensen (Niedersachsen) und war zum Zeitpunkt des Gefechts bereits ein erfahrener Berufssoldat. Er wurde getötet, als er versuchte, unter schwerem Beschuss verwundeten Kameraden zur Hilfe zu eilen. Eine ferngezündete Sprengfalle (IED) und anschließender Beschuss trafen ihn tödlich. Er hinterließ eine Ehefrau.

Stabsgefreiter Robert Hartert (25)

Robert Hartert wurde in Kasachstan geboren und wuchs in Mecklenburg-Vorpommern auf. Er war ein engagierter Zeitsoldat, dessen Einsatzwille überragend war. Er fungierte im Gefecht oft als Sicherungsschütze. Er starb in unmittelbarer Nähe von Nils Bruns, als die Sprengfalle detonierte.

Hauptgefreiter Martin Augustyniak (28)

Martin Augustyniak stammte aus Bielefeld und war vor seinem Dienst bei der Bundeswehr gelernter Koch. Er fiel während des heftigen Feuerkampfes, als die Taliban die deutschen Stellungen mit Panzerfäusten und Handwaffen unter massives Feuer nahmen.

Alle drei Soldaten wurden postum mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit ausgezeichnet – der höchsten Auszeichnung, die die Bundeswehr für mutiges Verhalten unter Lebensgefahr vergibt.

Das Karfreitagsgefecht im Jahr 2010 veränderte die Bundeswehr und das Denken ihrer Führung. Das Opfer dieser drei Männer in den Staubfeldern von Isa Khel markierte eine Zäsur für unsere Armee. Die Erinnerung an Nils Bruns, Robert Hartert und Martin Augustyniak bleibt ein bleibendes Vermächtnis von Mut und Kameradschaft. Wir werden diese tapferen Männer, die im Dienst für ihr Land das Leben verloren haben, niemals vergessen.

Bildquelle:

  • Bundeswehr_Dingo_Karfreitagsgefecht: bundeswehr

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.