Denken ohne Mobilfunknetz: Sind Frauen wirklich strukturierter als wir Kerle?

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Liebe Leserinnen und Leser,

wieder einmal muss ich mich bei Ihnen entschuldigen, dass der Frühe Vogel heute ein verspäteter Vogel ist. Aber die Wahrheit ist: Ich hatte vergangene Nacht kein Funknetz. Das lag nicht daran, dass ich auf einer deutschen Autobahn unterwegs war, sondern, dass ich gerade mein alljährliches Wochenende im Kloser Maria Laach mit einem Dutzend anderer Männer verbringe. Und hier ist Mobilfunk absolut null, so wie es keinen Straßenlärm gibt, sondern bestenfalls – im Frühjahr – Vogelgezwitscher, zur vollen Stunde manchmal brachial vom Geläut der mächtigen Kirchenglocken unterbrochen. Das passiert auch morgens um 5 Uhr, und wenn man ein Gastzimmer zur Kirche hinaus hat….dann ist man um 5.01 definitiv wach. Und, so mache es Pragmatiker, dann um 5.30 Uhr gleich zur ersten Andacht des Tages geht.

Haben Sie auch so Rückzugsorte, wo Sie sich sammeln, Gedanken ordnen und beim Spazierengehen oder der lateinischen Vesper am Nachmittag über das Leben an sich nachdenken können? Zugegeben, ich bin „religiös musikalisch“, frei nach Jürgen Habermas, viele von Ihnen sind das nicht. Aber der Mensch braucht doch auch Zeiten, wo nicht die Glotze läuft oder die Grillkohle glüht, nicht das Zoom-Meeting ruft oder die Kinder von der Schule abgeholt werden müssen. Wo denken Sie grundsätzlich nach und wie strukturieren Sie das?

Heute morgen hat mein wunderbarer Freund Felix einen sehr persönlichen Vortrag über eine Erfahrung gehalten, bei der er, mit anderen Männern zusammen, seinem Leben für 90 Tage eine neue Struktur gegeben hat. Mit regelmäßigen Gebetszeiten, Duschen früh am Morgen ausschließlich mit eiskaltem Wasser, verzicht auf Alkohol, Facebook und Schokoriegel. Das war sehr spannend und inspirierend. Was macht so eine Zeit mit einem? Verändert es grundsätzlich dein Leben, oder ist es wie beim Jojo-Effekt in der Diät?

Und erleben Männer so etwas anders als Frauen – Ausnahmen gibt es natürlich immer -, sind sie grundsätzlich strukturierter als wir Kerle, multitasking, aber dafür unfähig, rückwärts souverän einzuparken. Das glaube ich in dieser Stringenz übrigens nicht, aber ich hatte in der Recherche für mein aktuell entstehendes Buch über Männer ein längeres Gespräch mit einer Paartherapeutin, die mir von ihrem wunderbaren Mann erzählte, der liebevoll sei und bemüht, im Haushalt seinen Beitrag zu leisten. Aber – so behauptet sie – Männer sehen manche Dinge im Haushalt einfach nicht, selbst wenn sie guten Willens sind.

Egal, das ist mal ein anderes Thema, aber wo denken Sie selbst über solche Dinge nach, wenn nicht zum Beispiel in der Abgeschiedenheit einer Benediktinerabtei, so wie ich gerade?

Nutzen Sie, ja suchen Sie sich solche Ecken, um ihren Kopf immer mal wieder klar zu bekommen!

Und genießen Sie das Wochenende!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.