Die Erhabenheit der Musik hat kein Krieg, keine Seuche und keine Diktatur jemals einkerkern können

HANDOUT - Die Wiener Philharmoniker mit Dirigent Daniel Barenboim beim Neujahrskonzert im Großen Saal des Wiener Musikvereins. Foto: Dieter Nagl/WIENER PHILHARMONIKER/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits
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von FELIX HONEKAMP

WIEN – Das alles beherrschende Thema, auch und besonders in Fragen der Freiheit, ist auch 2022 immer noch diese Pandemie, und das ist gleichzeitig das Thema, das mich am wenigsten reizt, darüber zu schreiben. Das vor allem auch in einem Medium wie diesem hier, in dem ich einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Lesern vermute, die durchaus bereit sind, bestimmte Maßnahmen mitzutragen, solange es bei einem hohen Maß an Eigenverantwortlichkeit bleibt, der Zwang auf ein Minimum beschränkt bleibt (über ein tolerierbares Maß an Zwang kann man sich dann trefflich streiten) – das jedenfalls wäre das Resümee meines potenziellen Beitrags. Und den würde ich selbst vor Langeweile wegklicken.

Also schreibe ich über etwas (scheinbar) ganz anderes: Das Neujahrskonzert 2022 der Wiener Philharmoniker, das ich vergangenen Samstag am Fernsehen (eine der wenigen Sendungen, für die ich bewusst den ÖR-Rundfunk einschalte) verfolgt und genossen habe. Lauscht man den wunderbaren Melodien stehen die zunächst in einem krassen Gegensatz zu den Einblendungen, dass Publikum und Ensemble alle „2G+“ sind und den anscheinend durchgängigen FFP2-Masken im Publikum. Spätestens bei der „schönen blauen Donau“ könnte man auch wehmütig werden: Wo sind die guten alten Zeiten hin, in denen man ganz einfach nur der Musik folgen, sich damit aufdas gerade begonnen Jahr bereiten konnte?

Man kann das aber auch anders sehen: Diese Musik, Musik überhaupt, ist etwas Erhebendes, das uns einen kleinen Einblick in das geben kann, was wirklich wichtig ist. Die „Glaubens-Kolumne“ bei TheGermanZ ist nicht meine, aber dennoch möchte ich hierher einen kleinen Ausflug machen: (Gute) Musik ist, bei all ihrer Präzision und ihrer notwendigen Professionalität, ein Ausweis der Freiheit des Menschen. Denn dass wir hören, dass wir Klänge genießen können, uns an besonderen Tonfolgen und Tonzusammensetzungen in einer Art erfreuen können, dass es uns die Tränen in die Augen treibt, das ist ein Geschenk Gottes. Aber wenn wir diese Musik genießen wollen, dann sind wir selbst gefordert: Die Noten, die gedruckten Harmonien bilden eine wunderbare Grundlage – aber wenn nicht ein Mensch die Geige in die Hand nimmt, die Oboe oder auch nur die Triangel, dann bleibt es Druckerschwärze auf Papier.

Insofern hat Musik ein unfassbares Potenzial. Immerhin wird noch heute Neues komponiert, werden Töne in einen Zusammenhang gebracht, den es bislang noch nicht gegeben hat (nebenbei egal ob klassisch oder Trash-Metal, das ist dann eher eine Geschmacksfrage oder eine der Feinheiten). Das gleiche gilt für Wörter in Romanen oder in der Poesie – immer wieder werden neue Wortzusammensetzungen „erfunden“, die man so noch nicht gekannt hat. Und damit nicht genug, sind diese Erfindungen auch ein Ausweis menschlicher Kreativität, die sich – von Gott geschenkt – kaum begrenzen lässt und ihre eigenen Grenzen trotzdem hoffentlich noch in Fragen der Moral oder der Verantwortung entdeckt.

Musik kann die Seele zu Gott erheben, zeigt die Ähnlichkeit des Menschen mit seinem Schöpfer. Und sie beweist den „Primat der Freiheit“ auch auf ganz weltliche Weise, wenn man bedenkt, dass noch kein Krieg, keine Seuche, keine Diktatur dieser Welt, die Musik dauerhaft hat einkerkern können. Und es ist nicht so, als ob nicht viele das probiert hätten, mit Ansätzen, bestimmte Musik- oder Kunstrichtungen als „entartet“ zu bezeichnen, sie dem Klassenfeind zuzuordnen oder sie gar im Namen von Religionen ganz zu verbieten. Es hat ihnen alles nichts genutzt: Gott ist größer (als Atheist dürfen sie gerne auch ersetzen: „Der menschliche Drang nach Freiheit ist größer“ – und wir sprechen dann bei Gelegenheit darüber, woher der wohl kommen mag).

Diese Einsichten lösen noch kein politisches oder gesellschaftliches oder medizinisches Problem – dies hier ist kein Plädoyer für den Rückzug ins Biedermeier. Aber es lässt unseren Blick hoffentlich fester gerichtet sein, auf das, was möglich ist. Und das, liebe Leserinnen und Leser, ist die Wurzel der (so glaube ich: gottgeschenkten) Freiheit des Menschen.

Bildquelle:

  • Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker: dpa
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