Der zukünftige ARD-Chef, der mich mal bei der AfD in Dresden echt beeindruckte

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Liebe Leserinnen und Leser,

es war im Frühherbst 2018, als ich eine überraschende Mail vom AfD-Kreisverband in Dresden bekam, in der man mich fragte, ob ich bereit sei, eine Podiumsdiskussion mit den Chefredakteuren von ARD und ZDF über die Öffentlich-Rechtlichen Medien vor dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse damals in Chemnitz zu moderieren. Dort hatte ein Asylbewerber auf einem Volksfest einen jungen Mann getötet, und die Stimmung in der Stadt wurde hitzig, wie ich es vorsichtig formuliere.

8000 Menschen demonstrierten am nächsten Tag in der Stadt gegen die unselige Asylpolitik von Frau Bundeskanzlerin und 3000 demonstrierten für den weiteren ungezügelten Massenzuzug junger Männer aus islamischen Staaten nach Deutschland. In den ARD-Nachrichten am Abend wurde kurz die große Demo erwähnt, wo man den AfD-Rechtsaußen Björn Höcke als Teilnehmer in der Menge zeigte. Die viel kleinere linke Demo wurde mit fünf O-Tönen sympathischer junger Menschen garniert, die vor der Kamera alle positiv über die kulturelle Bereicherung in Deutschland sprachen, denen der Volksfestbesucher gerade zum Opfer gefallen war.

Seriöser Journalismus geht anders.

Frau Merkel wähnte im weiteren Verlauf rechte „Hetzjagden“ auf Chemnitzer Sraßen auf Ausländer, die es aber objektiv nicht gegeben hatte. Als Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen öffentlich der Gottkanzlerin widersprach, war er seinen Job los. Merkel blieb im Amt. Realpolitik ist ungerecht.

Zurück zur AfD in Dresden. Ich dankte für die Einladung und sagte für den Fall zu, dass die Chefredakteure von ARD und ZDF tatsächlich kämen, um sich ein paar Hundert AfDlern in Sachsen zur Diskussion zu stellen. Falls die Herren selbst nicht erschienen, würde auch ich nicht dabei sein. Und im Übrigen sei ich auch überzeugt, dass die beiden nicht kommen werden. Und dann sagten beide tatsächlich zu, in die Höhle des sächsischen Löwen zu kommen.

Einer der beiden Herren war Kai Gniffke, damals Chef der ARD-Tagesthemen, der andere Peter Frey, Chefredakteur beim ZDF. Ich erzähle Ihnen das, weil seit gestern Abend klar ist, dass Kai Gniffke – zurzeit noch SWR-Intendant – 2023 den Vorsitz der ARD-Anstalten übernehmen wird.

Das wird Sie nun sicher überraschen, aber ich finde das keine schlechte Idee von den Intendanten und Gremienvertretern, die ihn gewählt haben. Den Kai Gniffke, sicher alles andere als ein „Rechter“, präsentierte sich damals in der Diskussion als – Achtung! – fähig zur Reflektion über das eigene journalistische Tun und auch fähig zur Selbstkritik.

Wie wohltuend der Unterschied zum arroganten ZDF-Mann, der gleich nach der Veranstaltung vor die Kameras des eigenen Senders lief, um staatstragende Worthülsen abzuliefern. Zuvor hatte er die 300 Teilnehmer vor 70 Journalisten auch internationaler Medien immer wieder von oben herab gemaßregelt im Stile von „Sie müssen sich mal fragen lassen, mit wem zusammen Sie als AfD auf den Straßen demonstrieren.“ Ja, muss sich die AfD fragen lassen, aber Herr Frey muss sich auch fragen lassen, wie seine Sendeanstalt mit AfD-Politikern in der alltäglichen Berichterstattung umgeht.

Gniffke war ganz anders, seriös, ernsthaft, hörte der oft beißenden Kritik aus dem Saal zu, verteidigte, dass die ARD einzelne Mordfälle wegen „regionaler Bedeutung“ nicht in die Tagesschau hebe, gab aber auch zu, dass „wir den sich abzeichnenden Wahlerfolg von Donald Trump hätten erkennen können“, aber man habe es gar nicht wahrhaben wollen in der Redaktion. Diese offenen Worte taten mal gut. Was mich aber wirklich beeindruckte dann, war, wie es nach der Diskussion weiterging.

Während Peter Frey – wie gesagt – vor die ZDF-Kameras eilte, um seinem Publikum zu erklären, wie schwer es ist, mit diesen schlimmen AfD-Leuten in den Dialog zu kommen, ging Kai Gniffke zu einem Getränkeautomaten in der Halle, zog sich eine Flasche Pils, legte die Jacke ab und mischte sich zur weiteren Diskussion mitten unter die dort stehenden AfDler, die selbst baff zu sein schienen, dass der ARD-Mann nicht einfach im Dienstwagen mit Fahrer abrauschte, sondern den Meinungsstreit auch ohne laufende Kameras weiterführte. Ich weiß noch, wie ich an dem Abend dachte: „Eigentlich ein guter Typ, der Gniffke…“

Sie wissen, ich bin persönlich inzwischen für die komplette Abschaffung des Öffentlich-Rechtlichen Fundfunks in Deutschland. Wäre das ZDF morgen nicht mehr da, ich würde es wahrscheinlich erst kommende Woche irgendwann bemerken. Aber wenn sie nun einmal noch da sind, dann kann ich auch Kai Gniffke für seine neue Aufgabe eine glückliche Hand und viel Erfolg wünschen. Vielleicht kann er durchsetzen, dass Anne Will ihre Laberrunden am Sonntag auch mal plural besetzt. Das würde ich mir schon wünschen…

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.