Des Kanzlers Nicht-Reaktion auf Abbas und den Holocaust-Vergleich ist mehr als peinlich

Bundeskanzler Olaf Scholz. Foto: Michael Kappeler/dpa
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von THILO SCHNEIDER

BERLIN – Es war so schön geplant: Der größte „Palästinenserführer“ aller Zeiten besucht Berlin und den Kanzler, es gibt Häppchen und Händeschütteln und dann stellen sich beide nett vor die Kamera, betonen, dass es „nur einen friedlichen Weg zum Frieden in der Region gibt“ (was sollten sie auch sonst sagen), beide lächeln nett und Abbas geht mit einem hübschen Scheck für sich und seine Entourage lächelnd nach Hause. Die Blumen waren geschmückt, das Buffett aufgebaut, die Fahne des Nichtlandes Palästina stand wie eine Eins neben der Fahne eines Bald-nicht-mehr-Landes und dann passierte es.

Der unbeliebteste Führer nach Kim Jong Un äußerte bei der Abschlusspressekonferenz auf die Frage, ob er sich wegen des Olympia-Massakers von 1972 bei den Israelis zu entschuldigen gedenke, locker aus der Hüfte, dass Israel „seit 1947 bis zum heutigen Tag 50 Massaker in 50 „palästinensischen“ Dörfern und Städten, 50 Massaker und 50 Holocausts“ begangen hätte. In Klammern sagte er damit: Die sollen sich wegen München nicht so anstellen.

Das hat gesessen. Hätte Abbas einfach nur kurz „Nein“ gesagt, hätte er den Scheck wahrscheinlich behalten dürfen, so aber hat er mit seinem Sätzchen seinen Gastgebenden – euphemistisch ausgedrückt – brüskiert. Ohne politische Seidentücher könnte man auch sagen, Abbas hat Scholz, Deutschland und Israel mit Anlauf in den Hintern getreten. Lachend.

Und was macht der Bundeskanzler? Er steht neben dem Abbas und guckt. Laut BR24 „betroffen und man sieht, dass ihm diese Bemerkung nicht gefällt“. Falls man bei Olaf Scholz überhaupt einmal irgendeine Art der Mimik sieht, wenn er nicht gerade einen Journalisten abputzt. Aber warum guckt er einfach, der Olaf Scholz? Warum geht er nicht noch einmal ans Mikrofon und findet die Bemerkung des „Palästinenserführers“ „suboptimal“ oder wenigstens „nicht hilfreich“? Weil er, und das tut jetzt etwas weh, bereits von Regierungssprecher Steffen Hebestreit (der heißt wirklich so) „abmoderiert“ wurde. Tja, wenn abmoderiert ist, ist abmoderiert. Da muss auch ein Kanzler schweigen. Da kann man nichts machen. Wenn man Olaf Scholz ist.

Und eine stoische hanseatische Ruhe weghat. Oder gar nicht mitbekommt, welche Musik gerade spielt und er gedanklich bei Bankschließfächern und den Kaviarhäppchen im Backstage-Bereich ist. Aber dem Holocaustrelativierer immerhin noch die Hand schütteln? So viel Zeit konnte und musste sein.

Mark Twain hat einmal gesagt, dass das Ärgerliche an schlagfertigen Antworten ist, dass sie einem erst 24 Stunden später einfallen. Und so lässt der beliebteste Kanzler seit Angela Merkel bereits am nächsten Tag verlauten, „gerade(!) für uns Deutsche ist jede Relativierung des Holocaust unerträglich und inakzeptabel“. So. Gut gegeben. Ich hätte mir noch gewünscht, dass Scholz erklärt, dass Abbas sich den Scheck an die dunkelste Stelle im seinem „Palästinensergebiet“ schieben kann und er sein Glück mal in Ägypten oder wenigstens in Ramallah versuchen soll, wo er leider gar nichts zu melden hat, da da die Hisbollah und nicht die Hamas vor sich hin zu regieren versucht. Aber immerhin – für Olaf Scholz war das schon ein Temperamentsausbruch.

Natürlich prasselt auf den armen Herumsteher aus dem Kanzleramt jetzt jede Menge Kritik von ganz Mitte bis ganz rechts ein. Weil er einmal mehr versagt hat. Tapfer und treu wie ein deutscher Schäferhund hat sich Regierungssprecher Hebestreit vor seinen Chef gestellt und armwedelnd betont, dass das eigentlich seine Schuld war, weil er doch gleich das Schlusswort gesprochen hat und keine Pause gelassen hat, damit sein Chef noch einmal an die Mikrofone kann, aber die waren schon abgestellt und Scholz hätte ihn (statt Abbas) deswegen beim Hinausgehen „angeraunt“ und natürlich tut es jetzt allen ganz sehr leid, weil das nun das letzte Wort war und das Wort war blöd, in einem Satz: Scholz und Hebestreit haben es vergeigt.

Nun muss in der Zwischenzeit, während in den Redaktionen von Berlin bis Tel Aviv die Telefondrähte glühten, irgendjemand bei dem ältesten Führer der unfreien Welt angerufen und ihm von den Begeisterungsstürmen, die seine dümmliche Bemerkung ausgerechnet in spendenfreudigen Deutschland ausgelöst haben, berichtet haben. Denn Abbas tut das, was Cäsar nach seinem Besuch bei Kleopatra auch tat: Er rudert zurück.

Er hat´s nicht so gemeint. Sondern ganz anders. Also: „Der Holocaust ist das abscheulichste Verbrechen der modernen menschlichen Geschichte“. Okay. Mit seinen Bemerkungen habe er doch lediglich, um Allahs Willen, „die Verbrechen und Massaker gegen das palästinensische Volk, die Israels Streitkräfte seit der Nakba begangen habe“ gemeint. „Diese Verbrechen haben bis zum heutigen Tage nicht aufgehört“, das hat er hinzugesetzt. Im Kurztext: Der Holocaust war übel, aber die Israelis sind auch voll übel. Kein Wort zu den diversen Angriffskriegen der Nachbarstaaten Israels, zu bisher Tausenden von Raketenangriffen auf Israel, zu Terroranschlägen, Mord und Totschlag an Israelis, für den palästinensischsten aller Palästinenserführer hat all dies niemals stattgefunden. Und der Olaf im Kanzleramt hat das unwidersprochen geschluckt. Und den Scheck trotzdem ´rübergeschoben.

Es bleibt bei dem Satz:

Legen die „Palästinenser die Waffen nieder, haben sie morgen Frieden. Legen die Israelis die Waffen nieder, dann sind sie morgen tot.

Und ein Bundeskanzlerdarsteller, der dies nicht klar und deutlich vor einem Greis, der von ihm Geschenke haben will, sagt, ist nicht minder eine Fehlbesetzung als die anderen 80 Prozent seines realitätsfernen Kabinetts von Scheinprofis. Jetzt ist er nun einmal da. Und steht da. Und guckt. „Mit deutlichem Widerwillen“. Sofern man das bei Scholz, dem Meister der Mimik, erkennen kann. Wenigstens hat ihm dies ein Lachen im Ahrtal erspart.

(Weitere spendenfreie Artikel des Autors unter www.politticker.de)

Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

Bildquelle:

  • Olaf Scholz: dpa
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