Deutschlands 5:2 gegen Italien: Rückkehr in die Weltspitze oder Muster ohne Wert?

Nationaltrainer Hansi Flick hat nach dem 5:2 gegen Italien gut Lachen. Foto: Daniel Löb/dpa
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von RALF GRENGEL

MÖNCHENGLADBACH – 5:2 – noch nie hat eine deutsche Nationalmannschaft höher gegen Italien gewonnen. Das macht Lust auf die WM und schürt die Hoffnung darauf, dass dieses Jahr unter unserem Christbaum der goldene FIFA-Pokal liegt. Die DFB-Elf bleibt unter Bundestrainer Hansi Flick ungeschlagen und fegt den Europameister vom Platz. Die Optimisten unter Deutschlands Fußballfans lassen sich bereits den fünften Titelstern aufs schwarz-weiße WM-Trikot flocken. Doch was ist Flicks Startrekord von 13 Spielen ohne Niederlage (neun Siege, vier Unentschieden) tatsächlich wert?

Wer sich auch die drei vorherigen Spiele in der Nations League angeschaut hat, wird sicherlich einigermaßen überrascht gewesen sein, ob des Offensivfeuerwerks der DFB-Elf gegen Italien. Fünf Treffer und Chancen zuhauf gegen den Angstgegner von einst, der in der Vergangenheit stets aufgrund seiner Defensivkünste gefürchtet war. Da kann man schon mal überschwänglich werden. Allerdings nur dann, wenn man unberücksichtig lässt, dass für die sich im Umbruch befindende Squadra Azzura eine Startelf auf dem Platz stand, die gemeinsam 39 Länderspiele weniger aufzuweisen hatte als in Summe die beiden DFB-Akteure Manuel Neuer und Thomas Müller.

So wird Flick mit seinem Trainerstab gut daran tun, nicht nur den versöhnlichen Erfolg zum Abschluss der Saison 21/22 zu analysieren, sondern auch die Remis’ im Hinspiel in Italien, gegen England und in Ungarn genauestens unter die Lupe zu nehmen. Dabei darf dann das Thema Effektivität nicht fehlen. Und zwar in doppelter Hinsicht. Denn effektiv ist der, der aus seinen Chancen Tore macht. Aber auch der, der aus dem Nichts trifft. Das 5:2 gegen Italien darf und kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der viermalige Weltmeister in den drei 1:1-Spielen der Nations-League-Hinrunde eindruckvoll unter Beweis gestellt hat, dass es Partien gibt, in denen er weder das eine noch das andere kann.

Die Statistiker zählten bei diesen drei Unentschieden 13 Torchancen in insgesamt 279 Minuten. Heißt, lediglich alle 21 Minuten hat sich die DFB-Elf in eine Situation gebracht, eventuell ein Tor erzielen zu können. Alle 93 Minuten hat sie tatsächlich getroffen. Flick ist klug genug, diese Werte nach der Gala gegen Italien nicht unter den Teppich zu kehren. Der Erfolgscoach der Triple-Bayern 2020 weiß, dass er sich keinen Knipser wie den Münchner Torgaranten Robert Lewandowski backen kann. Der polnische Nationalmittelstürmer hat im zurückliegenden Bundesliga-Jahrzehnt wie kein zweiter die Effektivität beim Torabschluss verkörpert.

So wird Flick nicht müde, stets aufs Neue die Stärken Timo Werners zu beschwören. Immerhin hat der Ex-Leipziger gestern bereits die Treffer sieben und acht in der Amtszeit des neuen Bundestrainers erzielt. So viel wie kein anderer. Doch das ist nur die eine Wahrheit. Die andere heißt Liechtenstein, Armenien, Island, Nordmazedonien, Israel und ein Italien, fast gänzlich ohne etablierte Stammkräfte. Das sind die sechs Nationalteams, die Werner nicht am erfolgreichen Torabschluss hindern konnten. Kein einziges davon muss befürchten, dass der Chelseastürmer ihnen auch bei der WM einen Treffer einschenkt, denn sie alle werden die Jagd nach dem WM-Pokal vor den heimischen TV-Geräten verfolgen. Gegen die einzigen WM-Teilnehmer unter Flicks bisherigen Gegnern blieb Werner ohne Torerfolg und Flick ohne Sieg. Jeweils 1:1 in den Niederlanden und gegen England.

Insofern wird das Wüstenturnier für den Weltmeister von 2014 ein Abenteuer mit vielen Fragezeichen. Wo ist der richtige Platz für David Raum? Links in der Vierkette? Oder eine Position davor, wo er sein größte Stärke, das Sturmzentrum mit Flanken zu füttern, noch besser ausspielen kann? Schafft man es, bei der offensiveren Raumvariante die Weltelite zu beeindrucken, in dem links dahinter in der Viererkette mit Thilo Kehrer jemand agiert, der bei seinem Verein, Paris SG, nicht einmal jedes zweite Spiel in der Starformation steht? Gehört ein Ilkay Güdogan, der bei der von Superstars gespickten Truppe des Premiere-League-Champions Manchester City in der zurückliegenden Saison 43 Pflichtspiele bestritt und als zentraler Mittelfeldspieler zehn Treffer erzielte, in die Starformation? Oder muss er dem Bayernblock aus Kimmich, Müller und Goretzka weichen? Ergibt es Sinn, darauf zu hoffen, dass Leroy Sané sein Phlegma ablegt und bei der WM groß aufspielt? Oder ist Flick gut beraten, sich und seinem WM-Kader die Launen Leroys zu ersparen? Und last but not least: Wohin mit Kai Havertz, jenem Mann, der den FC Chelsea vor einem Jahr zum Champions-League-Sieg gegen Pep Guardiolas ManCity schoss?

Zuhause auf dem Sofa sitzen Millionen von Bundestrainern, die meinen, diese und auch alle anderen Kader-, Taktik- und Aufstellungsfragen beantworten zu können. In der Verantwortung, es tatsächlich richtig zu machen, steht allerdings nur einer. Einer, der auch nach 13 Spielen als Chef an der Linie immer noch ungeschlagen ist. Das gab es in der Geschichte des DFB noch nie und verdient Respekt. Doch Hansi Flick ist auch einer, der, wie wir alle, erst während der WM eine Antwort auf die Frage erhält, ob dieser Startrekord auch die Rückkehr in die Weltspitze verheißt oder sich als Muster ohne Wert entpuppt.

Bildquelle:

  • Hansi Flick: dpa
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