Die Corona-Krise zeigt: Im Ernstfall sind wir unfähig, unser Überleben zu organisieren

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Emmanuel Macron macht ernst: Frankreich führt eine verpflichtende Corona-Impfung für das Personal im Gesundheitswesen ein. Bis Mitte September haben Angestellte in Krankenhäusern und Pflegeheimen sowie Arbeitskräfte mit Kontakt zu Risikopatienten noch Zeit, sich impfen zu lassen. Wer nicht mitspielt, der oder die sind raus. Gesundheitsminister Olivier Véran präzisierte das am Abend im Fernsehen mit der Aussage, ungeimpftes Gesundheitspersonal könne ohne Impfung nicht mehr arbeiten und werde auch nicht mehr bezahlt.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, sonst dicke mit dem französischen Kollegen, lehnte ein solches Vorgehen für Deutschland ab. Wir werden keine Impfpflicht einführen, so sinngemäß ihre Worte.

Ist also alles geklärt für uns, haben wir Streit mit dem Nachbarn? Mitnichten!

Weil das Problem so vielschichtig ist.

Wir werden Corona nie wieder los, haben wir gelernt von den Experten. Und wenn das so ist, wir mit dem Virus dauerhaft leben müssen, dann kann niemand konkret sagen, was passiert in Zukunft, wie unser Leben weiter verlaufen wird, welche Maßnahmen der Staat beschließen wird oder vielleicht muss, wenn die 100. Variante einmal voll durchschlägt. Delta ist hochinfektiös, das stellt niemand in Frage, der Ahnung hat. Gleichzeitig sagt man uns, wer geimpft ist, hat auch bei Infektion mit der Delta-Variante einen leichten Verlauf zu erwarten. Aber – so die Kanzlerin und RKI-Chef Wieler gestern – was, wenn im Sommer neue Mutanten entstehen? Keiner weiß, was die dann „können“.

Im Moment freuen wir uns alle über die zurückgewonnenen Freiheiten. Aber ist nicht schon die Tatsache, dass sie zurückgewonnen werden mussten, ein Alarmsignal? Sollte Freiheit nicht erstmal da sein und unverhandelbar? Was aber, wenn ein neues Virus, vielleicht ganz etwas anderes als Covid, entsteht und zur tödlichen Bedrohung wird? Die Intensivstationen in Deutschland waren nie wirklich am Anschlag, das wissen wir heute. Im Moment ist da kaum noch etwas los. Aber die vergangenen Monate haben uns gelehrt, was passieren kann, wenn es einen tödlichen Outbreak gibt. Oder vielleicht auch eine biologische Waffe, die gegen unser Land eingesetzt wird von irgendeinem fanatischen Idioten, der Allahu Akbar brüllt und dann die Düsen vom Tanklaster aufdreht, während er durch München fährt?

Ich bin 62 Jahre alt, und ich freue mich über Ihre Zuschriften nachher, dass ich ja wie 40 wirke. Aber in diesen Jahrzehnten habe ich und haben Sie so etwas noch nicht erlebt. Ja, Influenza, Vogelgrippe, Schweinegrippe. Auch da mal 20.000 Tote, aber jetzt in Deutschland schon über 100.000 registrierte Todesfälle an oder mit Corona. Das hat eine andere Dimension. Und ich habe die Sorge, dass wenn es in der Zukunft mal ernster wird mit einem neuen Virus oder biologischen Kampfstoff, unsere Gesellschaft nicht mehr handlungsfähig sein wird. Weil wir niemandem mehr trauen, der nicht das sagt, was unsere persönlichen Vorstellungen entspricht. Weil auch immer weniger Menschen bereit sind, einfach zu vollziehen, was die Obrigkeit anordnet – selbst wenn die zufällig mal recht mit ihrer Einschätzung haben sollte.

Ich wünsche mir, dass wir das Schlimmste überstanden haben für dieses Mal. Aber ich weiß es nicht, so wie Sie es nicht wissen und Herr Wieler und Frau Merkel auch nicht. Es gibt Analysen, Erfahrungen, Forschungen, und doch kann ein natürliches oder künstlich erzeugtes Virus jederzeit einen weiteren Siegeszug um die Welt antreten, vielleicht einen viel tödlicheren als jetzt. Wir sind nicht vorbereitet, nicht auf Terror und Krieg, nicht auf biologische und chemische Kampfstoffe, und nicht auf diese kleinen miesen Biester, die unser Leben jederzeit dramatisch verändern können, wenn wir dann noch leben.

Passen Sie auf sich auf, bitte!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.