Die kleine Schar vom Niederrhein

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Liebe Leserinnen und Leser,

nur unter uns: Ich musste gestern am Abend meinen Inneren Schweinehund überwinden, um in die Heilige Messe zum Gründonnerstag in meine Kirche zu fahren. Ich gehe normalerweise jedes Jahr an diesem Tag, an dem die Christen in aller Welt des Letzten Abendmals Christi gedenken, in die Messe. Einfach weil mich die Liturgie an diesem besonderen Abend immer sehr berührt. Die gewaltige Geschichte, die Fußwaschung als Zeichen der Demut, der Verrat. Und endlich wieder Weihrauch, das Sanctus auf Latein, „Gottes Wort ist wie ein Licht in der Nacht“, dann das Erlöschen des Lichtes in der ganzen Kirche, die stille Anbetung. Ich mag das alles sehr, es inspiriert mich immer wieder aufs Neue.

Warum musste ich mich dann aber selbst motivieren, dieses Mal hinzufahren?

Weil ich ahnte, dass es anders sein würde als früher. Weil ich mich nicht damit anfreunden kann, bei einem besonderen spirituellen Erlebnis mit einer Mund-Nasen-Maske in der Bank zu sitzen, die ich auch beim Beten und Singen nicht abnehmen darf in dieser Gemeinde. Als ich durch das Portal hineinging, wurden meine Befürchtungen leider bestätigt. 60 Gläubige waren da, vielleicht ein Fünftel der Vor-Corona-Jahre an diesem Abend. Viele Bankreihen blieben leer, wo ich vor drei Jahren noch früh losgefahren bin, um einen passablen Platz zu ergattern. Corona hat auch eine Schneise ins Volk Gottes geschlagen, das einst ganz automatisch zu solchen Tagen und auch an jedem Sonntag kam. Und dann die schlimmen Missbrauchsfälle in meiner Kirche, der ich 1981 aus freier Entscheidung beigetreten bin. Und das Bodenpersonal, die Banalisierung, wie ich das vor ein paar Tagen an dieser Stelle genannt habe.

Ich habe drei Jahre intensiv Katholisch gelernt, bevor ich mich dazu entschlossen habe, zu konvertieren. Weil ich nicht nur das Andenken an einen klugen Prediger vor 2000 Jahren wachhalten will, sondern das Heilige spüren. Und das gelingt mir auch heute noch manchmal, aber eben nicht mehr immer. Auch in der Messe schweifen Gedanken ab, sicher nicht nur meine.

Am Nachmittag hatte ich im Autoradio von einer Protestaktion vor dem Kölner Dom gehört. Angeblich hat das Erzbistum vor Jahren die – Achtung, festhalten! – Spielschulden eines Pfarrers in Höhe von einer halben Million Euro beglichen. Und das aus einem Haushaltstitel für die Entschädigung von Opfern des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Mit Gerichtskosten und Zinsen hatte sich der gesamte Betrag auf rund eine Million Euro summiert. Und ich dachte spontan: Habt Ihr noch alle Latten auf dem Zaun? Angeblich soll Erzbischof Rainer Kardinal Woelki in diese Transaktion eingeweiht gewesen sein. Und den Mann habe ich immer gegen Angriffe der linken Modernisten verteidigt, aber jetzt fehlen mir die Worte.

Nach dem Schlußsegen verblieben wir mit 14 Gläubigen in der abgedunkelten Kirche zur Anbetung. Texte wurden gelesen, es wurde gesungen, es herrschte eine würdige, ruhige Atmosphäre dieser sehr kleinen Schar des Volks Gottes. Und wieder schweiften meine Gedanken ab. Ich dachte an den früheren Erzbischof von Fulda, Johannes Dyba, ein wahrhaft streitbarer Gottesmann, der – Don Camillo gleich – in Fernseh-Talkrunden selbst gegen Alice Schwarzer in den Ring stieg und die Partie dann sogar gewann. In einer Predigt sagte er einmal: „Unsere Kirche in Deutschland wird schrumpfen, immer weniger werden sonntags in die Messen kommen. Doch das birgt für uns auch die Chance, aus dieser Position einer Minderheit von vielleicht fünf Millionen die (meine Formulierung) verluderte Kirche wieder von unten ganz neu aufzubauen.“ Und ich hatte den Gedanken, wir 14 gestern Abend in der dunklen Kirche unserer Kleinstadt am Niederrhein, wir wären dann bestimmt dabei, wenn es endlich losgeht…

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.