Die Querelen auf dem Balkan leicht erklärt

Es könnte so schön sein, wenn sich die Kleinstaaten auf dem Balkan einfach vertragen.
Anzeige

von THILO SCHNEIDER

PRISTINA – Im Norden des Kosovo spitzt sich die Lage wieder zu. Weil es da irgendwelche Neuwahlen geben soll, weswegen Albaner und Serben aneinandergeraten sind und mal wieder aufeinander einprügeln, wie das ja auf dem Balkan gute, gelebte Tradition ist.

Das hat folgenden Grund: Angeblich will Serbien nicht nur Serbien, sondern Groß-Serbien sein, warum auch immer das die Serbier:Innen so haben wollen. Das würde bedeuten, dass auch Bosnien-Herzegowina und Montenegro Teil von Groß-Serbien würden, was die Bosnier-Herzogwiner:Innen und die Montegriner:Innen (extra für Sie gegendert, damit sich Bosnierinnen-Herzegwienerinnen und Montegrinserinnen nicht ausgeschlossen vorkommen und weinen müssen, weil die sonst keine anderen Probleme haben, damit wären wir aber auch mit der Nummer schon durch!) jetzt, nach ihren Erfahrungen mit Serbien in den 90er Jahren eher weniger sehr gut finden. Außerdem wären da auch noch die Slowenier und die Kroaten, die im Halbfinale waren und gar keine Lust gehabt hätten, dass sich Serben freuen, wenn sie als Kroaten ins Endspiel eingezogen wären, aber das nur am Rande Europas.

Auf jeden Fall leisten die Serben im Kosovo Wühlarbeiten unter den Serben, die im Kosovo leben, weil sie nicht möchten, dass die Serben im Kosovo kosvarische Serben werden und lieber serbische Kosovaren wären und blieben, weil das den Serben sehr wichtig ist, warum auch immer. Die Kosovaren hingegen haben an ihrer Südgrenze ja auch die Makedonier, die aber offiziell nicht so heißen dürfen, weil die Griechen dann fürchten, dass die griechischen Makedonier lieber makedonische Griechen wären, was zu einem heillosen Durcheinander auf den Passämtern führen würde, die, nunja, eben mit eher mediterraner Leichtigkeit geführt werden. Deswegen wissen die Kosovaren nicht, wohin sie zuerst gucken sollen, ob nach Norden zu den Serben oder nach Süden zu den Makedonen, die vielleicht auch lieber Kosovaren wären, wenn sie schon nicht Griechen sind.

Im Kosovo leben aber auch Albaner, die nicht unbedingt zu Albanien wollen, obwohl das Albanien schon gerne hätte, denn die deutschen Beutewaffen aus dem Zweiten Weltkrieg rosten schneller, als sie „Tschetnik“ sagen können, und es wäre durchaus an der Zeit, sie zu gebrauchen, bevor sie entweder zerfallen oder von den Serben einkassiert werden, wenn diese den Kosovo besetzen, sofern sich die Kosovaren das bieten lassen und ihnen nicht beispielsweise die Montenegriner zur Hilfe kommen, mit denen sie eine gemeinsame Grenze haben.

Nun hat aber Montenegro auch noch eine gemeinsame Grenze mit Serbien, das wiederum der Meinung ist, auch Montenegrino sollte ein Teil Groß-Serbiens sein, weil sie das ungefähr seit der Steinzeit ja auch schon waren und eigentlich keine Existenzberechtigung haben, ebenso wie Bosnien-Herzegowina, das ja nur Bosnien-Herzegowina heißt, weil Serbien es nicht geschafft hat, Land und Leute 1999 komplett auszulöschen, was die Serben heute noch ärgert. Bosnien-Herzegowina wiederum grenzt an Kroatien, die sich immerhin auf die römische Provinz „Croatia“ berufen können, denn zumindest heißt Kroatien seit der römischen Besetzung Kroatien und da haben die damals auch nicht so einen Aufstand geprobt, wobei es damals noch Dalmatien hieß und die Dalmatier, diese weißen Hunde mit den schwarzen Flecken, dürften von da kommen. Auf jeden Fall aber heißen die Kroatier Kroaten seit dem siebten Jahrhundert, als sich ein gewisser byzantinischer König namens Herakleios irgendwelcher Südpolen bediente, die er aber nicht Südpolen, sondern Kroaten nannte, weil er sie gegen die Awaren, wer immer das damals war, brauchte.

Bei dieser Gelegenheit wurden die südpolnischen Kroaten gleich mitchristianisiert, aber leider orthodox, was ihre fast unmittelbaren Nachbarn, die katholischen Italiener, Ungarn und Österreicher bis heute sehr ärgert. Die Serben gab es damals noch eher so rudimentär, sonst hätten sie sich sicher damals schon beschwert und ich erzähle das nur, um mit Fachwissen anzugeben, weil die komplette Gemengelage so derart verworren und lächerlich ist, dass es eigentlich keines der Völker verdient hätte, einen eigenen Staat zu haben und die ganze Bagage eigentlich unter Aufsicht des Völkerbundes gestellt gehörte, gäbe es ihn noch, weil sie andauernd aufeinander einhauen.

Jede Minderheit will ja ihren eigenen Staat und nimmt sich ganz ganz furchtbar wichtig.

Die einzig nennenswerte Industrie, die Jugoslawien je hatte, bestand in einem Autofertigbausatz namens „Yugo“, für den sich sogar DDR-Bürger schämten und nachdem Tito tot war, gingen sie alle wie nix Gutes aufeinander los. Bismarck sagte einst, die Querelen auf dem Balkan seien keines einzigen pommerschen Grenadiers Knochen wert, was bedeutet, dass die Kasper- und Reibereien zwischen Slowenen, Montenegrienern, Serben, Albanern, Bosnier-Herzegowienen, Kroaten und Kosovaren, Makedoniern, Bulgaren, Griechen und ein paar versprengten, nach der Niederlage vor Wien hängengebliebenen Türken schon seit mehr als 200 Jahren der Welt auf den Nerv gehen.

Wenn es ja wenigstens Bodenschätze gäbe… Aber so rasant ist dieser Teil Europas dann ja auch nicht bestückt, dass es wirklich interessant wäre, dort zu intervenieren. Die Russen fördern da den Panslawismus und Panserbismus in Belgrad, die Staaten an der Adria bemühen sich wenigstens um ein paar Touris für die Strände und es wird ausgehen, wie es immer ausgeht: Die Serben metzeln ein paar Unschuldige weg, es wird ein paar Schießereien mit den KFOR-Truppen geben und ein paar Hundert Tote für nichts. Dabei wollen doch eigentlich alle nur in Ruhe ihre Ziegen hüten und den paar Touristen ein paar zusammengegrillte Fleischberge servieren. Wenn es um die lächerlichsten Konflikte geht, dann haben sie auf dem Balkan die Nase ganz weit vorn. In den Sachen der Nachbarstaaten.

Entzündet hat sich der ganze Streit übrigens daran, dass die serbische Minderheit im Kosovo lieber mit serbischen Autokennzeichen als mit kosovarischen Kennzeichen herumfahren möchte. Es ist zum Verzweifeln mit den Spinnern da.

Bildquelle:

  • Dächer_Dubrovnik: pixabay
Anzeige

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren