Ein Gespenst geht um in Deutschland

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Liebe Leserinnen und Leser,

gefühlt will einmal im Monat jemand eine neue Partei gründen in Deutschland, die die offene Flanke zwischen woke-gedrehter Union und den Eskapisten der AfD wieder auffüllt. Der Gedanke ist nicht neu, aber natürlich auch nicht falsch. Die Entkernung der CDU als Volkspartei der Mitte mit den drei Säulen Christlich-Sozial, Konservativ und Liberal hat das politische Koordinatensystem in Deutschland vollkommen auf den Kopf gestellt.

Ohne Merkel, davon bin ich wirklich zutiefst überzeugt, gäbe es die AfD heute nicht mehr. Und um bei Merkel zu bleiben, gestatten Sie mir an dieser Stelle das kleine Bonmot: Aber jetzt sind sie nun mal da… Und sie werden wohl auch bleiben, wenn wir uns den derzeitigen Höhenflug der AfD in allen Umfragen anschauen. Umfragen, liebe AfD-Freunde, das ist das, das ihr sonst „systemgesteuert“, „gekauft“, „korrumpiert“ nennt. Außer, wenn die Umfragen für Eure Partei gut sind. Dann posten auch die Hardcore-Afdler aus Sachsen und Thüringen begeistert all die Zahlen und Schaubilder von Forsa, INSA, dimap und YouGov.

Also, vereinfacht: Die CDU und im weiteren Verlauf die CSU haben sich in der Ära Merkel dem linksgrünen Juste Milieu unterworfen. CDU-Ministerpräsidenten lassen sich mit Claudia Roth vor der Regenbogenfahne abbilden, CDU-Landesregierungen winken die Frühsexualisierung unserer Kindern in Kitas und Grundschulen durch, die Bundeswehr wurde zu einer Trümmertruppe runtergefahren unter völlig überforderten Damen im Amt der Verteidigungsministerin. Ein Elend.

So war es folgerichtig, dass irgendwann etwas Neues kommen würde. Die Euro-Staatsschuldenkrise war der Anlass, es hätte aber auch etwas anderes sein können. Irgendwann wollen auch die Treuesten der Treuen nicht mehr, wenn nichts mehr von dem zu erkennen ist, was mal der Grund für den eigenen Eintritt gewesen ist.

Die AfD hat es geschafft, übrigens als einzige neu gegründete Partei neben den Grünen seit 1945. Zwei Parteien in 77 Jahren! Weil das nämlich gar nicht so einfach ist. Man braucht überzeugende Köpfe an der Spitze, keine Schreihälse, sondern Menschen, denen die normalen Bürger ihr Land anvertrauen würden. Anführer mit einer Ausstrahlung wie Petra Kelly und ein Bundeswehr-Generalmajor Gert Bastian. Oder bei der AfD Ökonomen wie Bernd Lucke und Joachim Starbatty oder – ganz wichtig – der frühere BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, keiner, dem man eine übelriechende rechte Vergangenheit medial andichten könnte. Dann kann so etwas klappen.

Es gab immer mal wieder Versuche, die teilweise sogar Erfolg hatten. wenn Sie an die Republikaner und die Schill-Partei denken. Aber eben immer nur teilweise. Und wenn man sich mit diesen politischen Sternschnuppen intensiv beschäftigt, dann weiß man genau, wo die Fallstricke sind, an denen solche Parteien bisher immer gescheitert sind.

Das rechte österreichische Portal „tagesstimme“ sorgte gestern für Aufregung in der konservativen Blase auch in Deutschland. Sie berichteten dass hierzulande eine neue Parteigründung in Vorbereitung sei, gegründet auch früheren AfD-Mitgliedern – auch Funktionäre und Abgeordnete. Die wollen angeblich im November gründen und dann kommendes Jahr erstmals zu einer Landtagswahl antreten. Ich habe von den Plänen bereits vor einigen Wochen erfahren, auch ein bisschen recherchiert und mit einigen Protagonisten gesprochen. Ein interessantes Projekt, anständige Leute, Patrioten, das steht für mich außer Frage. Ob sie es schaffen werden? Keine Ahnung, ich bin kein Hellseher. Aber die Hürden sind hoch, das habe ich ihnen auch selbst gesagt, und der Organisator antwortete mit entwaffnender Fröhlichkeit: Wenn es leicht wäre, könnte es ja jeder…

Also, ich, wir schauen uns das an. Wenn es wirklich losgeht, berichten wir darüber, und – das ist den Kollegen aus Österreich vielleicht ein wenig fremd – wir sprechen auch mal mit denen, über die wir berichten. Ich weiß, das ist auch beim Mainstream ein wenig außer Mode geraden, aber Journalisten sollten das immer tun.

Bei der neuen Parteigründung, so steht es in dem Artikel aus Österreich, sei nämlich auch „der Journalist Klaus Kelle“ mit dabei. Das freut mich erst einmal, dass da nur mein Beruf und mein Name stehen, also man auch in Österreich voraussetzt, jeder wisse schon, wer dieser Mann ist. Brand-Building, wie ein Freund aus Belgien mir immer wieder zu vermitteln versucht hat. Klappt also schon, auch ohne, dass ich etwas dafür tue.

Was aber leider falsch ist, und das hätte man mit einem Anruf bei mir herausfinden können, ich bin gar nicht dabei. Ich habe erst gegen Mitternacht überhaupt davon erfahren, weil ich gerade – religiös musikalisch – auf Exerzitien bin und mein Smartphone tagsüber abgeschaltet ist. Also: Ich spreche gern mit Parteigründern, besonders, wenn sie konservativ sind. Ich schaue mir das an, ich berichte drüber, ich freue mich, wenn sie gute Ideen und Erfolg haben. Aber ich habe genug von Parteien, habe selbst über Jahrzehnte aktiv Parteipolitik gemacht, jetzt sind wirklich andere dran. Ich gründe nix, ich sitze nicht mit am Tisch, selbst wenn es Kaffee und Häppchen gibt, ist ziehe keine Strippen. Ich bin Journalist und das ist auch gut so. Sollten Günther Jauch und Heidi Klum in diese Richtung etwas vorhaben, ein ganz großes Ding, dann höre ich es mir vielleicht an. Aber die rufen nicht an. Weil sie meine Nummer nicht haben, und weil ich mein Smartphone jetzt wieder ausschalte und mich den grundsätzlichen Dingen des menschichen Daseins widme.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.