von KLAUS KELLE
OSLO/WASHINGTON/BERLIN – Das Bild gestern hatte echte Symbolkraft: Bundeskanzler Friedrich Merz, dick eingepackt in einer wetterfesten Bundeswehrjacke, am Andøya Space Port, hoch oben im Norden Norwegens. Hinter ihm die karge, schneebedeckte Landschaft, vor ihm Mikrofone internationaler Medien.
Statt wie geplant Zukunftsfragen der europäischen Sicherheit zu diskutieren und die NATO-Großübung „Cold Response“ sowie die Vertiefung der Energiepartnerschaft mit dem norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre zu preisen, richtete der deutsche Regierungschef deutliche Worte an den großen Bruder in Washington.
Merz kritisierte die jüngste Entscheidung der US-Regierung, die Öl-Sanktionen gegen Russland einseitig zu lockern, als einen „schweren strategischen Fehler“. Inmitten seines Iran-Feldzuges hatte Trump diesen Schritt vollzogen, um die US-Benzinpreise erst einmal stabil zu halten und die Inflation im eigenen Land zu dämpfen.
Für Merz jedoch genau das „falsche Signal zur falschen Zeit“ an Moskau
Denn während Deutschland und Norwegen ihre Zusammenarbeit gerade massiv ausbauen, um Europa endgültig von russischen Ressourcen unabhängig zu machen, scheint Washington aus rein innenpolitischem Kalkül den Druck auf den Kreml zu drosseln.
Bisher galt das persönliche Verhältnis zwischen Trump und Merz als stabil, geradezu freundschaftlich – wenn man an die Szenen zuletzt beim Besuch des Deutschen im Oval Office und das „Knietätscheln“ denkt. So kommt es für Beobachter überraschend, dass Merz auf der großen internationalen Bühne Trump und seine „America First“-Doktrin offen frontal anzugreifen wagt.
Denn die Rolle von Merz war bisher – zusammen mit Giorgia Meloni – die des Brückenbauers zwischen Europa und den USA.
Doch der diplomatische Pflichttermin in Norwegen birgt jede Menge Sprengstoff
Merz, der aufgrund seiner wirtschaftsnahen Biografie bei manchen in Washington als eine Art „deutscher Amerikaner“ gilt, schien in den Kopf des streitlustigen Präsidenten im Weißen Haus vorgedrungen zu sein.
Man unterhielt sich über Ausnahmen bei den US-Zöllen für deutsche Autos und eine koordinierte Strategie gegenüber dem Iran. Merz wurde in Washington überaus freundlich empfangen – als einer, der das ramponierte Verhältnis zwischen Berlin und Washington wieder heilen kann. „Wir kommen gut klar miteinander, wir sprechen in den wichtigen Fragen die gleiche Sprache“ – so die Botschaft.
Doch Trumps Alleingang beim Thema Russland-Sanktionen hat den Bundeskanzler und viele europäische Partner offenkundig sehr verärgert.
Was ist mit der Vertrauensbasis, wenn Trump die alten Partner derart vorführt?
Denn Donald Trump, das weiß die ganze Welt, ist nicht dafür bekannt, es leise hinzunehmen, wenn er auf der Weltbühne öffentlich abgewatscht wird.
Die Zugriffszahlen aus Brüssel für Trumps Plattform „Truth Social“ dürften in den nächsten 48 Stunden deutlich steigen. Werden jetzt als Retourkutsche die mühsam ausgehandelten Zugeständnisse bei den Automobilzöllen vom Tisch gewischt? Und – immer wieder gerne als Drohung verwendet – steht eine Truppenreduzierung der Amerikaner in Deutschland und Europa an?
Trump neigt dazu, Politiker, die ihn kritisieren, öffntlich persönlich zu diskreditieren – im eigenen Land ebenso wie auf der internationalen Bühne. Und so könnte auch die gerade erst begonnene Männerfreundschaft zumindest in eine Phase der Funkstille übergehen, was für Deutschland angesichts eines feindlich-aggressiven Russlands zum Problem werden kann.
Allerdings hat Friedrich Merz in Norwegen gleichzeitig bewiesen, dass er nicht das Schoßhündchen eines übermächtigen Partners ist, sondern seine Rolle als souveräner deutscher Regierungschef ausfüllt. Fast könnte man denken, er verfolge jetzt eine „Deutschland zuerst!“-Strategie, aber in Wahrheit dürfte es wohl eher „Europe first!“ sein. Jedenfalls ist unübersehbar, dass Merz inzwischen für die EU-Staatengemeinschaft in eine Schlüsselrolle hineingewachsen ist, die von den meisten europäischen Staaten begrüßt wird. Einer, der selbstbewusst genug ist, auch Washington zu widersprechen, wenn es nötig ist.
Bildquelle:
- Friedrich_Merz_Norwegen_13.03.2026: bundesregierung/jesco denzel
