Für Putin läuft die Zeit ab

Russlands Präsident Wladimir Putin heute bei der Parade in Moskau.

von KLAUS KELLE

MOSKAU – Nein, der Mann tut mir nicht leid. Alles, was er gerade erlebt, hat er sich durch seinen menschenverachtenden Krieg gegen die Ukraine seit dem 24. Februar 2022 selbst hart verdient. Und ich bin sicher, er wird noch mehr einstecken müssen für seine irre Vision, die zu Recht untergegangene Sowjetunion wenigstens ein bisschen wieder auferstehen zu lassen – koste es, was es wolle an Menschenleben und Geld.

Mit der Ukraine hat sich Putin einen militärischen Gegner selbst aufgebaut, der der Russischen Föderation jeden Tag harte Schläge im eigenen Hinterland versetzt.

Die russische Schwarzmeerflotte wurde zu etwa einem Drittel versenkt, der Rest schmählich abgezogen. Schiffe der „Schattenflotte“ werden von Libyen aus durch ukrainische Drohnen angegriffen, und selbst die strategische Bomberflotte ist nicht sicher, wie die ganze Welt am 1. Juni 2025 beobachten konnte, als der ukrainische Geheimdienst SBU in einer koordinierten Aktion mit ihrer Operation „Spinnennetz“ die strategische Luftwaffe Russlands tief im eigenen Hinterland durch massive Drohnenangriffe entscheidend schwächte.

Mindestens 13 hochwertige Militärflugzeuge wurden zerstört oder beschädigt, darunter strategische Bomber der Typen Tu-95, Tu-22M3 und Tu-160 sowie Frühwarnflugzeuge vom Typ A-50.

Und Putins Vernichtungskrieg gegen den Osten der Ukraine steckt seit zwei Jahren auch fest. Dazu ein Europa, das geschlossen hinter Kiew steht, und eine NATO, die mit Schweden und Finnland zwei starke neue Mitglieder an der Nordflanke und eine zusätzliche 1300 Kilometer lange direkte Grenze Russlands mit der NATO hat.

Eine erfolgreiche „Spezialoperation“ sieht wahrlich anders aus

Bei der erbarmungswürdigen traditionellen Siegesparade heute auf dem Roten Platz, die ohne schweres Gerät (Panzerfahrzeuge, Raketen) auskommen musste und nur eine Dreiviertelstunde dauerte, versuchte Putin, den Geist des Zweiten Weltkriegs zu beschwören.

Die russische Armee werde bei ihrem Feldzug gegen die Ukraine von der „Generation der Sieger“ im Zweiten Weltkrieg inspiriert, so Putin. Seine – inzwischen arg gerupfte – Armee stelle sich im Donbass und Luhansk „einer aggressiven Macht entgegen, die vom gesamten NATO-Block bewaffnet und unterstützt wird“, so der Kremlchef, der damit einräumte, dass er sich den Widerstand gegen seinen Krieg und die Reaktion der Europäer, ja, des gesamten Westens, wohl anders vorgestellt hat. Doch natürlich: „Unsere Helden marschieren vorwärts.“ Wenn es nicht so eine Tragödie wäre mit Hunderttausenden Toten und so unendlich viel Leid, man müsste lachen über diesen wirklich ausgemergelt und wächsern wirkenden Mann da auf seiner hermetisch geschützten Tribüne auf dem Roten Platz.

Es klang wie Selbstbeschwörung, als er vom Mut seiner Soldaten sprach, von der hohen Kriegsmoral und der Fähigkeit, „jede Prüfung zu bestehen“. Erinnert mich stark an die Durchhalteparolen aus dem Führerbunker in Berlin im April 1945.

Putins Russland wird den Krieg in der Ukraine nicht gewinnen

Er selbst hat einen Gegner erschaffen, der heute stärker ist als jemals zuvor und die Unterstützung des ganzen Westens hat.

Die Hoffnung der Putin-Fans auch in Deutschland, Amerika werde sich aus dem Konflikt zurückziehen, zeugt von völliger Unkenntnis, wie die USA funktionieren. Die Amis liefern weiter Waffen – jetzt gegen Bezahlung der europäischen Staaten –, die für die ukrainischen Streitkräfte elementar sind. Satellitenerkenntnisse fließen ununterbrochen weiter und Elon Musk hat „Starlink“ für die Kommunikation der Russen in der Ukraine dauerhaft abgeschaltet.

Kein Grund, Russland zu unterschätzen, denn das Land hat – wie immer – eine hohe Kompetenz zu zerstören und zu töten

Deshalb müssen Europa und der Westen wachsam bleiben, getreu dem alten NATO-Motto: Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit!

Die rollende Unterstützung der Ukraine an Geld und Waffen muss fortgesetzt, am besten intensiviert werden. Deutschland und Europa müssen ihre eigenen militärischen Fähigkeiten weiter schnell und massiv ausbauen, damit man auch im Putin-Umfeld versteht, dass das hier kein Spaß mehr ist und eine weitere Eskalation auch für die weitere Existenz der Russischen Föderation eine existenzielle Bedrohung werden kann.

Im Übrigen ist es höchste Zeit, die zahlreichen russischen Agenten in Deutschland, die unter dem Deckmantel, Diplomaten zu sein, in unserem Land spionieren, Sabotagenetzwerke aufbauen und sich politischen Einfluss in unseren Parlamenten zusammenkaufen, stark auszudünnen.

„Die Kapitalisten werden uns noch den Strick verkaufen, mit dem wir sie aufknüpfen“, soll Lenin in den frühen 20er-Jahren gegenüber seinem engen Mitarbeiter Grigori Sinowjew nach einer Sitzung des Politbüros in Moskau gesagt haben. Die Gelegenheit dürfen und werden wir Wladimir Putin nie wieder bieten – so wie bei Nord Stream 2.

Bildquelle:

  • Wladimir_Putin_50: kremlin.ru

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.