Geht es uns heute besser als vor Angela Merkel? Meine Antwort ist ein klares Nein!

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Liebe Leserinnen und Leser,

es ist ein liebgewonnenes Ritual und durchaus auch Ausdruck von Stil und Anstand. Wenn jemand aus einer wichtigen Position ausscheidet, werden die Leistungen dieses Menschen gepriesen. Kritik wird dann tunlichst vermieden, oder wenn unumgänglich, dann nur minimaldosiert in einem Halbsatz untergebracht. Dann gehen wir alle ans Buffet und klopfen uns auf die Schulter – gut gemacht!

Ein bisschen erinnert mich die Lobhudelei des gestrigen Tages auf die endlich scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel an ein Begräbnis. Alle sagen noch einmal etwas Gutes über den Verstorbenen und dann gibt es Kaffee und Butterkuchen und man tauscht Erinnerungen aus. Ich habe ein Alter erreicht, in dem solche traurigen Anlässe Jahr für Jahr mehr werden, und ich kann mich nicht an Begräbnisse in den vergangenen Jahren erinnern, bei denen man bei der Grabrede beschönigen oder gar heucheln musste.

Alles respektable Persönlichkeiten, Männer und Frauen, aus der Kriegsgeneration, Väter, Mütter, Großeltern, Großtanten. Was hatten sie alle für ein Leben, was mussten sie für furchtbare Zeiten durchleben, haben überlebt, angepackt, unser Land wieder aufgebaut, Kinder bekommen in einer Zeit, in der keiner sicher vorauszusagen wusste, welche Zukunft ihnen droht. Dann der erste ersparte VW-Käfer, der erste Urlaub in Italien, die erste Pizza. Niemand aus dieser Generation hätte jemals für möglich gehalten, dass in unserer Generation zwei Männer eine Ehe schließen können oder man auf den VW Käfer hätte verzichten sollen, um stattdessen – dem Weltklima zuliebe – mit einem Lastenfahrrad durch die Stadt zu kurven.

Nein, ich will die Vergangenheit nicht per se rosarot färben, ich bin ein Kind der 70er. Ich habe viele schöne Erinnerungen an damals, und ich hatte großartige Eltern, die mir für die damalige Zeit erstaunlich viele Freiheiten gewährten, so lange ich keine langen Haare wachsen lassen wollte. Da hörte der Spaß bei meinem Vater, Kriegsteilnehmer WK 2, definitiv auf. Eine Gesellschaft verändert sich, Deutschland hat sich verändert, und in vielen Dingen durchaus zum Positiven, wenn man keinen parteipolitisch eingefärbten Tunnelblick sein eigen nennt. Also: Veränderungen sind etwas ganz Normales.

Aber diese systemische Lobhudelei in den vergangenen 24 Stunden auf Bundeskanzlerin Angela Merkel ist ein schlechter Witz. Und auch da will ich einräumen, dass sie natürlich manches richtig, ja sogar gut gemacht hat. Als sie erstmals als CDU-Spitzenkandidatin antrat 2005 war ich richtig begeistert: Frau, Wissenschaftlerin, Ostdeutschland. Frischer Wind, dachte ich. Beide Stimmen CDU und 2009 noch einmal. Danach ging es einfach nicht mehr. Weil ich begriff, dass diese Frau Stück für Stück daran arbeitete, das Erbe der Partei Konrad Adenauers und Helmut Kohl, der rheinisch-katholisch geprägten CDU, zu zerstören. Nicht zu modernisieren, wie sie behauptete, sondern zu zerstören.

Machtinstinkt, ja, das zeichnet sie aus. Vielleicht hat sie da viel von ihrem politischen Ziehvater Helmut Kohl gelernt, dem sie eiskalt den Dolch in den Rücken stieß, als sich die richtige Gelegenheit bot. Und wie dumme Jungs ließ sie die jungen Herren vom „Pacto Andino“ aussehen, die dachten, die junge Frau aus dem Osten, die eigentlich aus dem Westen stammt, sei nur eine kurze Episode des Übergangs. Sie hat sie alle erledigt.

Und jetzt all die Lobhudeleien in den Sozialen Netzwerken, die bunten Kacheln mit „Danke Angela“ und Erinnerungsfotos. Besonders gefallen hat mir gestern eines, dass Merkel wohl in ihrem ersten Bundestagswahlkampf irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, umringt von Mitgliedern der Jungen Union in orangefarbenen T-Shirts, zeigt. Rechts neben ihr der gescheitelte JUler zeigt unverkennbar Philipp Amthor, und man fragt sich unwillkürlich, warum er keine Krawatte trägt auf dem Bild. Katrin Albsteiger von der CSU, einst eine der prägenden Köpfe der Jungen Union Deutschlands und heute Oberbürgermeisterin von Neu-Ulm, postet ein Foto mit der Kanzlerin am gedeckten Tisch. Viele andere Abgeordnete, die in den Merkel-Jahren etwas geworden sind, erweisen ihre Ehrerbietung für die Kanzlerin. Auch der einstige Generalsekretär Hermann Gröhe, was wohl aus der Deutschland-Fahne geworden ist, die sie ihm damals aus den Hand riss? Und erkennbar auch viele Hauptamtliche der Partei aus dem Adenauer-Haus in Berlin und Landesgeschäftsstellen huldigen ihrer einstigen Vorsitzenden und Kanzlerin. Und wissen Sie, was mir auffällt? In den Lob-Threads auf Facebook gibt es jeweils zahlreiche Postings von ganz normalen Bürgern, die bittere Kritik an der Ära Merkel, teil mit harschen Worten, äußern.

Angela Merkel hat einen Job gemacht als Bundeskanzlerin – die Bürger haben mit Ihren Stimmen dafür gesorgt, dass sie es immer wieder wurde, auch als der Schaden schon erkennbar wurde, den diese Kanzlerschaft für uns alle bringen wird. In den USA fragen Präsidentschaftskandidaten vor Kameras und bei Kundgebungen immer gern: „Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren?“ Und das ist eine gute Frage. Geht es uns heute besser als vor vier, als vor acht Jahren? Und die Antwort ist ein klares und lautes NEIN.

Dieses Land ist am Ende der Kanzlerschaft Angela Merkel so tief gespalten wie noch nie, seit Willy Brandt seine neue Ostpolitik proklamierte. Ihre Flüchtlingspolitik ist eine Katastrophe, die erkennbare Unfähigkeit, unsere Gesetze und Regeln durchzusetzen, erschütternd. Die Inflation bei über fünf Prozent, die Vernichtung von Privateigentum, die zunehmenden Einschränkungen bürgerlicher Freiheitsrechte im Rahmen der Corona-Krise, der Ansehens- und Bedeutungsverlust in aller Welt, insbesondere in Europa, das einst vertrauensvoll darauf schaute, was Berlin macht. Sie kennen die Themen alle, aber Sie merken vielleicht, dass ich zunehmend in Rage gerate, wenn ich über die Ära Merkel resümiere…

Bundeskanzler ist ein Knochenjob. Wer wollte das bestreiten? Niemand wird bezweifeln, dass Frau Merkel hart gearbeitet hat, auch für unser Land. Aber eben für eine falsche Politik, für die falschen Ziele. Kein Bundeskanzler seit 1949 hat unserem Land und uns allen mehr geschadet als diese Frau. Die Folgen ihres zerstörerischen Werkes überwiegen bei weitem gegenüber dem, was sie richtig oder auch gut gemacht hat. Diese Folgen werden wir und unsere Kinder noch lange zu tragen haben.

Es gibt keinen Grund, Angela Merkel zu huldigen. Ich, ganz persönlich, verachte sie für das, was sie Deutschland angetan hat.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.