Genfer Konvention? Wovon träumen Sie?

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Liebe Leserinnen und Leser,

es sind verstörende Bilder aus einem Krieg, der seit Wochen rund um die Uhr immer neue brutale Bilder und Videos hervorbringt. Zwei Videos wurden uns und anderen Redaktionen am Abend zugespielt. Sie stammen angeblich vom Team des inhaftierten Putin-Kritikers Alexej Nawalny.

Auf den Bildern ist zu sehen, wie gefangene russische Soldaten aus Transportern gezerrt werden. Obwohl sie sich nicht wehren, und obwohl ihre Hände gefesselt sind, schießen ihnen Männern in Uniformen der ukrainischen Armee in die Beine, wohl um sie bewegungsunfähig zu machen. Die Verletzten bluten, einer, der sich hinkniet und sagt, dass er sich ergeben habe, wird ebenfalls rücksichtslos angeschossen. Blut fließt über den Asphalt, es sind bestialische Szenen, die wir hier nicht zeigen werden. Aber es muss gesagt werden, dass das passiert, und dass es im Krieg nicht nur Gut und Böse gibt, sondern dass das Wesen des Krieges an sich böse ist.

Der russische Angriff auf die Ukraine ist ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht, darüber kann und will ich gar nicht mehr diskutieren. All die Nebelkerzen-Werfer – gekaufte oder freiwillige – mit ihren Verschwörungsgeschichten um Maidan und Biden ohne konkrete Belege nerven nur noch, und kaum jemand nimmt das ja auch noch ernst.

Aber wenn diese beiden neuen Videos echt sind, und alles spricht dafür, dann handelt es sich um ein Kriegsverbrechen. Und wenn die USA Kriegsverbrechen in der Ukraine dokumentieren wollen, dann müssen sie auch diese Aufnahmen von brutaler Misshandlung russischer Gefangener dazu nehmen.

Im Krieg stirbt nicht nur die Wahrheit, wie man immer so unschön sagt. Im Krieg stirbt auch die Menschlichkeit, das Zivilisatorische. Ich habe mich oft gefragt, was das wohl für Menschen gewesen sind, die sich für den Wachdienst in Auschwitz freiwillig gemeldet haben. Oder was da passiert ist mit den amerikanischen Kleinstadtjungs aus dem Mittleren Westen, die im Vietnamkrieg 1968 beim Massaker in der Provinz Quang Ngai dabei waren, weltweit bekannt als „My Lai“. Über 500 Tote, Frauen, Kinder und Greise, vergewaltigt und ermordet. Man versuchte, es zu vertuschen, aber es kommt alle raus, immer. Gott sei Dank.

Einige der schlimmsten Schlächter des Holocaust wurden hinterher in den Prozessen von Zeugen als hochgebildete, kulturbeflissene Menschen beschrieben, liebevolle Familienväter, die sich dann in Bestien verwandelten. „Ich habe ja nur meine Befehle befolgt.“ Vielleicht hat auch den ukrainischen Soldaten auf den Videos jemand einen Befehl erteilt, wahrscheinlich sogar. Und das System Armee beruht ja auch auf Befehl und Gehorsam, natürlich, wie sollte es sonst funktionieren?

Aber das deutsche Konzept vom „Staatsbürger in Uniform“ – das funktionierte vielleicht früher, als jeder wusste, dass die Bundeswehr wahrscheinlich niemals wird ausrücken müssen, dorthin, wo es gefährlich ist. Doch das ist vorbei, wie ja anscheinend selbst unsere rot-grün-gelbe Bundesregierung in den vergangenen Wochen bemerkt hat. Und sie hat Schlüsse daraus gezogen, die richtig sind. Wenn unser Land, wenn unser Bündnis ernsthaft gefährdet ist durch Herrn Putin, China, die Mullahs oder sonst wen, dann müssen wir uns vorbereiten für alle Eventualitäten.

Aber niemals dürfen unsere Soldaten zu menschenverachtenden Bestien werden, die Gefangene einfach mal präventiv ein paar Kugeln in den Körper schießen, damit sie nicht weglaufen können.

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.