Hedonismus und Bildungsbürgertum: Wie ist es möglich, dass Berlin immer noch irgendwie funktioniert?

Müll wegräumen gestern nach dem "Zug der Liebe" Unter den Linden. Die BSR macht einen guten Job.

von KLAUS KELLE

BERLIN – Wie funktioniert Berlin? Funktioniert es überhaupt? Und wenn ja, warum und wie? Mit dieser Frage habe ich mich am Wochenende intensiv beschäftigt, als ich die meiste Zeit in der deutschen Hauptstadt verbracht und vornehmlich Menschen beobachtet habe bei ihren verschiedenen Aktivitäten.

1988 bin ich zum ersten Mal ins damals noch geteilte Berlin gezogen und habe für den ersten privaten Radiosender „Radio Hundert,6“ gearbeitet.
Damals habe ich gelernt, dass man etwa sechs Monate braucht, um als Zugezogener zu wissen, ob man diese Stadt verachtet oder liebt. Heute 37 Jahre später stehe ich immer noch zu meiner damaligen Entscheidung, Berlin eher zu lieben. Also, bevor Sie mich jetzt beschimpfen: nicht das Berlin der Schulden und des Mülls am Straßenrand, nicht die Palästinenser-Hassumzüge, die Silvesterkrawalle unserer arabischen „Gäste“, die Maikrawalle unserer einheimischen Vollidioten, nicht die Links- und Rechtsextremisten, IS-Sympathisanten und Scientologen. Sondern diese ganz ungewöhnliche Mischung aus Tradition, Kreativität, Kultur und asozialem Verhalten.

Wie immer mal wieder wollte ich am Samstag eigentlich nur Fußball mit Gleichgesinnten bei „Tante Käthe“ gucken, seit 30 Jahren Treffpunkt für in Berlin gestrandete Fußballfreunde, besonders mit ostwestfälischem Migrationshintergrund. Die machen kein Stress, die zücken keine Messer, die wollen einfach auf einem Großbildschirm gemeinsam Arminia Bielefeld siegen sehen und dabei Pilsner Urquell trinken Nun, es endete 1:1, aber alles andere passte.
Außer vielleicht der unablässige Krach draußen, der sich beim Verlassen der Kneipe als ein Umzug Tausender Menschen, vornehmlich junger aber keineswegs nur, herausstellte, die hinter mit bunten Herzen geschmückten Kleinlastern unter wummernden Bässen durch die Straßen zogen.

Während ich ein paar Fotos vom „Zug der Liebe“ schoss und versuchte, unfreiwillig nicht allzu viele der Marihuana-Dämpfe einzuatmen, die hier allgegenwärtig über der Parade hingen, freute ich mich dennoch, wie friedlich alles ablief unter blauem Himmel und bei strahlendem Sonnenschein. Geht doch…

Eigentlich war unser Plan nun, weiter zur „Nacht der Museen“ zu schlendern, die aber erst in drei Stunden beginnen würde. Zeit, ein bisschen was zu essen.

Im Nikolaiviertel. Das war einst einer von vier Stadtteilen im historischen Alt-Berlin und wurde im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört. Rund um die Nikolaikirche bauten die Kommunisten zwischen 1980 und 1987 alte Bürgerhäuser wieder auf, vermutlich eines der wenigen sinnvollen Entscheidungen die die SED-Stadtplaner jemals getroffen hatten. Jedenfalls gibt es hier viele kleine Lokale und Biergärten, bis heute ein Magnet für „Touris“, wie man die jährlich rund 13 Millionen Besucher der Hauptstadt halb liebevoll, halb genervt bezeichnet. Jedenfalls gibt es hier Sülze, Remoulade und Bratkartoffeln für 12,50 Euro, was für Berliner Verhältnisse ein echtes Schnäppchen ist.

Als es draußen laut wird, schlendern wir Richtung Museumsinsel und stoßen auf…den „Zug der Liebe“, den wir vor drei Stunden bereits am Mauerpark im Prenzlauer Berg getroffen hatten. Wummernde Bässe, atemberaubende Marihuana-Wolken und jeder dritte Mann hat eine geöffnete Flasche Bier in der Hand, während er hüpfend einem Wagen mit lauter Musik hinterhertanzt. In dem Moment, als eine alte Frau neben mit vorbeigeht und dabei eine Pfandflasche am Straßenrand aufhebt, um dafür am nächsten Tag ein paar Cent erstattet zu bekommen, habe ich beschlossen, diesen Text zu schreiben.

Wie funktioniert das alles?

Im vergangenen Jahr lagen die Bruttoausgaben für Sozialhilfe in Berlin bei 711 Millionen Euro, während die Grundsicherungsleistungen für Arbeitslose in den vergangenen Jahren immer weiter steigen. Im Juli 2025 waren in der Hauptstadt 219.377 Arbeitslose registriert, knapp zehn Prozent die Erwerbslosenrate, was man hier als „stabile Situation“ beschreibt. Jeder Fünfte in der deutschen Hauptstadt ist armutsgefährdet, besonders viele Kinder.
Und dann stehe ich hier am Straßenrand und Tausende vornehmlich junge Leute tanzen kiffend und saufend an uns vorbei. Kann das auf Dauer so funktionieren? Wer finanziert den Lebensunterhalt dieses hedonistischen Umzugs, der für die Party-Crowd – erstaunlich viele junge und ungewöhnlich attraktive Frauen sind tätowiert, erschreckend viele wirklich …unschöne Frauen sind auch tätowiert – ein fröhliches Happening zu sein scheint?

Wovon leben die alle? Vielleicht sind sie Kassiererin im Penny Markt, vielleicht bekommen sie Stütze, dank des jährlichen Zuschusses aus dem Länderfinanzausgleich – danke Bayern!

Viele hier haben ihre kleinen Kinder dabei, die im Marihuana-Nebel mit Papa und Mama mittanzen. Ein junge Frau sehe ich in knapper Bekleidung, die ihr kleines Kind auf dem Arm trägt. Wenigstens hat sie der Kleinen einen Kopfhörer als – hoffentlich – Schallschutz aufgesetzt.

Ich bleibe, bis der „Zug der Liebe“ endet

Es folgen zehn vollbesetzte Mannschaftswagen der Polizei, dann zahlreiche orangebekleidete Mitarbeiter der Straßenreinigung, die Flaschen und allen möglichen Unrat zusammenfegen. Dann folgt ein Dutzend orangefarbene Fahrzeuge der BSR, der Berliner Stadtreinigung, und erledigt den Rest. Innerhalb von Minuten ist alles wieder sauber Unter den Linden, sauberer auch als vor dem lauten Umzug schriller Mitbürger.

Was denken wohl die Müllmänner mit ihren Besen, die Sanitäter und die Polizisten, die ihren Samstag hier verbringen müssen statt zu Hause bei ihren Lieben zu sein? Sie alle haben jedenfalls einen Job, arbeiten hart, zahlen Steuern und Sozialabgaben, was in Berlin nicht unbedingt der Normalfall ist.

Das andere Berlin

Am Abend bis nachts um 2 Uhr ist das einheimische und zugereiste Bildungsbürgertum dran: Nacht der Museen – 75 sind es, die sich beteiligen. Mit einem Ticket können die Kulturfreunde 75 Museen und 750 „Events“ besuchen, es gibt extra Buslinien, die alle Lokalitäten verbinden. Das verbindende Thema, Sie ahnen es, ist die Liebe.

Eine schöne Abendstimmung, Sonnenstühle, Musik, Drinks überall, die historischen Gebäude auf der Museumsinsel rund um das Bode-Museum, die Alte Nationalgalerie und das Humboldt-Forum in bunten Licht erleuchtet, überall Außengastronomie, alle Restaurants voll. Und alles friedlich, die Organisation perfekt – Studenten, die mit fahrbaren Info-Point unterwegs sind, Sicherheitsleute, überall hilfsbereite Menschen. So müsste es immer sein – in Berlin und anderswo. Kaum zu glauben, aber auch in Berlin klappt manches perfekt.

Heute Morgen, am Ende der Heiligen Messe in St. Ludwig verabschiedet sich meine linke Sitznachbarin mit einem strahlenden Lächeln und wünscht mir einen schönen Sonntag. Sie ist lockr über 70 Jahr alt und trägt Jeans und weiße Sneakers. Als ich die Kirche verlasse, scheint die Sonne, davor ein kleiner Park, alle Sitzbänke besetzt.

Manche schauen auf ihr Handy, andere lesen in einem Buch, die meisten tragen Sonnenbrillen. Kaum Autos auf den Straßen, die Cafés allerdings sind voll. So friedlich, so schön. Ja, ich mag Berlin sehr. Trotz allem…

Bildquelle:

  • Aufräumen_Berlin_Liebesparade: klaus kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.