von KLAUS KELLE
BERLIN – Gehören Sie, wie ich auch, zu denen, die sich jedes Jahr vornehmen, im nächsten Jahr zu fasten? Also nicht nur ein bisschen oder mit Belanglosigkeiten, sondern richtig, so dass Sie den Verzicht auch spüren? Also mal konkret zum Beispiel bei mir: Nach dem Herzinfarkt 2016 habe ich aufgehört zu rauchen, was ich aus Gründen des Selbstschutzes auch durchziehe. Wenn dann die Fastenzeit beginnt und ich erzähle in meinem Freundeskreis, ich faste, indem ich 40 Tage nicht rauche, dann ist das nicht das, was mit Fastenzeit gemeint ist.
Vielleicht beginnen wir also mal ganz von vorn, wobei ich nicht das sogenannte Heilfasten meine, das viele Freunde und Bekannte tatsächlich jedes Jahr – meistens eine Woche – machen, um „runterzukommen“ und den Körper zu „entschlacken“. Ich meine das religiös begründete Fasten, dessen Zeit für Christen genau heute beginnt und sehr weit über den bloßen Verzicht auf Schokolade oder das berühmte Feierabendbier bei alten weißen Männern hinausreicht. In der katholischen Kirche nennt man diese Zeit jetzt auch offiziell nicht einfach „Fastenzeit“, sondern die „Österliche Bußzeit“. Eine Zeit der Reinigung des Herzens, der Vorbereitung und vor allem der Rückbesinnung auf die eigene Beziehung zu Gott.
Die Wurzeln der Fastenzeit liegen tief in der biblischen Geschichte und der frühen Kirche. Das Vorbild für die Dauer von 40 Tagen ist Jesus Christus selbst. Die Evangelien berichten, dass er unmittelbar nach seiner Taufe vom Heiligen Geist in die Wüste geführt wurde. Dort fastete er 40 Tage und 40 Nächte und widerstand manchen Versuchungen des Teufels. Und die Zahl 40 ist – wie fast alles in der Bibel – dabei hochsymbolisch:
Denn das Volk Israel wanderte 40 Jahre durch die Wüste, bevor es das Gelobte Land erreichte. Und Mose verbrachte 40 Tage auf dem Berg Sinai in der Gegenwart Gottes. Auch der Prophet Elija – Sie ahnen es – wanderte 40 Tage zum Berg Horeb.
Und so entwickelte sich im vierten Jahrhundert die Tradition, diese 40 Tage als Vorbereitung auf das höchste Fest der Christen, nämlich Ostern, zu nutzen. Ursprünglich war dies vor allem die Zeit, in der sich die „Katechumenen“ (Taufbewerber) intensiv auf ihre Taufe in der Osternacht vorbereiteten und die bereits Getauften ihre eigene Umkehr erneuerten.
Grundsätzlich ist deshalb jeder Gläubige eingeladen, die Fastenzeit bewusst in diesem Sinne zu gestalten. Laut Kirchenrecht sind der Aschermittwoch und der Karfreitag strenge Fast- und Abstinenztage (nur eine Sättigung am Tag, kein Fleisch). Alle Katholiken ab 14 Jahren (Abstinenz) bzw. 18 bis 60 Jahren (Fasten) sind dazu aufgerufen. Darüber hinaus ist die Fastenzeit aber auch eine Einladung an jeden, der spürt, dass sein Leben „unaufgeräumt“ ist. Es ist kein elitärer Club für besonders Fromme, sondern ein Angebot für die Suchenden und die Müden, die ihren geistlichen Akku wieder aufladen wollen.
Wenn es nicht um die Gesundheit geht, sondern um ein spirituelles Erlebnis, verschiebt sich der Fokus vom „Was lasse ich weg?“ zum „Wofür schaffe ich Platz?“. Damit Fasten religiös fruchtbar wird, muss es wehtun – nicht im körperlichen Sinne, sondern im Sinne einer Entwöhnung von der eigenen alltäglichen Ich-Bezogenheit. Dazu gibt es verschiedene Wege:
Das Fasten der Worte: Schweigen üben, weniger urteilen, auf Klatsch und Tratsch verzichten. Es schafft Raum, um die „leise Stimme“ Gottes wieder zu hören.
Das Fasten der Bequemlichkeit: Den „inneren Schweinehund“ überwinden, um Zeit für das Gebet oder den Besuch der Werktagsmesse zu finden.
Das Fasten des Konsums: Hier geht es nicht um Kalorien, sondern um die Freiheit von der Abhängigkeit. Wer auf das ständige Kaufen oder digitale Rauschen verzichtet, merkt oft erst in dieser Zeit, wie sehr diese Dinge die Seele verstopft haben.
Wie immer beim Glauben muss man sich aus eigenem inneren Antrieb darauf einlassen. So wie bei einer Beichte: Wenn Sie dem Priester Ihre kleinen und großen Sünden vortragen, aber gleichzeitig nicht bereuen und – was auch immer – weiterhin tun, dann können Sie auf das Beichten gleich verzichten.
Die Fastenzeit einzuhalten, das ist weit mehr als bloßes Willenstraining oder Traditionen zu folgen. Jesus selbst benennt in seiner Bergpredigt die „Drei Säulen der Umkehr“:
Der Verzicht auf Nahrung macht uns hungrig, aber nicht nur nach Brot, sondern nach Gott. Er zeigt uns unsere eigene Bedürftigkeit und Endlichkeit auf. Fasten ohne Gebet ist nichts anderes als eine Diät. Erst durch das Gebet wird die durch den Verzicht gewonnene Zeit und Energie Gott zugewandt. Die Lesung der Heiligen Schrift oder der Kreuzweg sind gute Schritte auf diesem Weg. Und zur Fastenzeit gehört nicht nur Verzicht und Gebet, sondern unbedingt auch das Almosen. Was wir durch unseren Verzicht einsparen (Geld, Zeit, Aufmerksamkeit), muss dem Nächsten zugutekommen. Ein spirituelles Erlebnis wird es dann, wenn wir erkennen, dass wir nicht verzichten, um uns besser zu fühlen, sondern um Gott und dem Nächsten näher zu sein.
Wer sich in diesen 40 Tagen selbst klein macht, bereitet den Boden, um dann an Ostern die Größe der Auferstehung Jesu überhaupt erst wirklich begreifen zu können.
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