Heute feiern die Amis Thanksgiving – ein Fressgelage, das zu einem Wettbewerb wird

Beim Thanksgiving-Dinner geht niemand hungrig nach Hause.
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von MARTIN D. WIND

BERLIN – Heute ist der Tag, an dem sich in den USA in den meisten Haushalten wieder die Tische biegen werden. Es wird aufgefahren, was Garten und Felder am Ende der Erntesaison hergeben. Familien, Freunde, Bekannte, auch Arbeitskollegen und Firmenbelegschaften treffen sich, um „Thanksgiving“ – im Deutschen in etwa „Erntedank“ – zu feiern. Das wird in Nordamerika traditionell mit einem opulenten Menue begangen. Klassiker und Höhepunkt dieser Schlemmerei ist der Truthahn oder wie er auf Englisch heißt: „Turkey“. Immerhin werden nach den jüngsten verfügbaren Statistiken mehr als 46 Millionen dieses großen amerikanischen Hühnervogels während des staatlichen Feiertags verspeist.

Die Zubereitung des im Durchschnitt 13 Kilogramm schweren Geflügels – der schwerste jemals offiziell gewogene Truthahn soll rund 40 kg gewogen haben – kann durchaus zu einer Frage der Ehre werden: Ist nicht gut gewürzt, das Fleisch zu trocken, zu zäh, nicht richtig gar, ist die Füllung nicht gelungen – da kamen/kommen durchaus Austern zum Einsatz -, kann das zu schwersten seelischen Belastungen führen und den Haussegen schief hängen lassen. Alternativ zur Pute oder sogar dazu, kann es darüber hinaus auch noch „baked Ham“ – ähnlich dem deutschen Schweinekrustenbraten – geben. Doch trotz des Rituals um die Festtagsbraten sind auch die Beilagen, die Vor- und die Nachspeisen kultische Zutaten dieses Mahls: Auch da spielen uramerikanische Lebensmittel eine große Rolle: Kürbis, Süßkartoffeln, Pekannüsse, Bohnen, Mais und selbstverständlich die Kartoffeln dürfen nicht fehlen.

Aus den Kartoffeln wird sehr gut gebutterter Kartoffelbrei, als grobe Scheiben garen sie gemeinsam mit dem Braten im Ofen, als feineingeschnittene Hasselback-Ofenkartoffeln werden sie überbacken. Vorgegart, zerquetscht und dann im Ofen angeknuspert, werden sie zu „Smashed Potatoes“ veredelt. Die Süßkartoffeln landen ebenfalls in einem Pie oder als ofengeröstete Chips auf dem Tisch. Der Kürbis zum Pie, zu einer Gemüsebeilage oder als Dessert in einer Kürbisrolle serviert. Ein Pie ist übrigens so etwas ähnliches wie ein gedeckelter Früchtekuchen oder Pastete und sieht oft aus wie eine Linzertorte – nur dass der Boden dünner und die Füllung reichlicher sind.

Und dann ist da noch die Cranberry-Sauce.

Für die einen delikate Geschmacksabrundung wie bei uns die Preiselbeeren zu Wild, für die anderen der „Gott-sei-bei-uns“ des festlichen Tisches. Festhalten kann man zumindest, dass diejenigen, die eine solche Sauce selbst aus rohen Zutaten herstellen und diese dann auch noch himmlisch schmeckt, sich den Respekt aller Tischgenossen erarbeiten. Wem diese Auswahl noch nicht umfangreich genug ist, der kann sich dann noch reichlich mit Käse überbackenen Auflauf mit grünen Bohnen und Champignons zuführen, in den diversen anderen Gemüsetöpfen, Maisbrot, Brötchen, Pasteten oder auch diverse Kuchen und was sonst bei diesem Koch- und Essrausch so anfällt, zu Gemüte führen.

US-Amerikaner wären nicht US-Amerikaner, würden Sie nicht aus allem auch einen Wettbewerb machen. So sind die uralten Familienrezepte, die meistens in direkter Linie von irgendeiner alten Urahnin aus der Gruppe der Pilgerväter, spanischer Entdecker oder der Siedler stammen, harte Garanten für das Erringen des Siegerpokals und des Schleifchens als bester Apfelkuchenbäcker, beste Pekannuss-Piebäckerin oder beste Cranberrysaucenzubereiter.

Womit wir schon bei den Ursprüngen dieses speisenlastigen Festes wären: So wie die Currywurst an mehreren Orten Deutschlands „das erste Mal“ und als „Ur-Original“ angeboten wurde, so gibt es auch in Nordamerika mehrere mehr oder minder belegbare Legenden um die Entstehung dieses oft ausufernden Gelages. Einmal haben verhungernde Erstauswanderer gemeinsam mit indigenen Ureinwohnern, von den sie vor dem Verhungern gerettet wurden, ein rauschendes Dankesfest geworfen, dann wieder sollen Seefahrer die sichere Rückkehr von einer Expedition oder andere ihre gelungene Atlantiküberquerung gefeiert haben.

Und wie das so ist kommen selbstverständlich heute gramgebeugte und schuldbewusste Mitmenschen aus den Büschen gehüpft und benutzen die koloniale Geschichte der Besiedlung der „Neuen Welt“ dazu, die Freude an diesem Versöhnungs- und Dankesfest mit moralinsauren Besinnungsaufsätzen in Druckmedien und Wertspenden für Radiosender zu mindern: Kein Sein ohne Schuldbewusstsein! Was für eine kleingeistige Haltung zu diesem Fest, das 1863 – mitten im fürchterlichen Bürgerkrieg – als versöhnliche Zusammenkunft der Familien, von Abraham Lincoln zum staatlichen Feiertag erklärt wurde. Dieses Zusammentreffen ist den Amerikanern so wichtig, dass der inneramerikanische Reiseverkehr am Tag vor und an Thanksgiving selbst, jeweils seinen Jahreshöhepunkt erreicht: Nie sind mehr Menschen in der Luft auf den Schienen oder auf den Highways unterwegs.

Ein Aspekt hat allerdings das Potential, die Feier zu sprengen: Wer bekommt vom „roten“, dunkleren, geschmackvolleren und saftigeren, wer vom „weißen“, trockeneren und mildere Fleisch?

Guten Appetit. God bless America!

Bildquelle:

  • thanksgiving-day-dinner: iStock
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