Ich will mich als Deutscher nicht freuen, wenn wir scheitern

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Liebe Leserinnen und Leser,

„nur die Sache ist verloren, die man aufgibt“ hat der große Dichter Gotthold Ephraim Lessing einst gesagt. „Weiter, immer weiter“ von Oliver Kahn vor 21 Jahren würde jetzt auch passen.

Neben dem Teil der Bevölkerung, die der deutschen Nationalmannschaft alles Schlechte für dieses Turnier wünscht, gibt es auch einen – ich bin überzeugt den größeren – Teil, der nicht will, dass Hansi Flicks Mannschaft am Sonntag nach dem Spiel gegen Spanien die Koffer packen muss. Und ich gehöre auch zu denen.

Dieses ganze Binden-Getue, dieses selbstverliebte Zurschaustellen des eigenen Gutmenschen-Daseins und in der Vergangenheit „Die Mannschaft“ und Özil und und und…mir fallen viele Dinge ein, die mir seit Jahren bei der deutschen Nationalelf gegen den Strich gehen. Dass nicht alle Spieler Müller, Meier oder Schmidt heißen, gehört ausdrücklich nicht dazu. Wir leben nicht mehr in der Zeit eines Sepp Herberger oder Helmut Schön, ob uns das gefällt oder nicht. Und wenn Sie vorhin gesehen haben, wie der erst 19-jährige Jamal Musiala die japanische Hintermannschaft reihenweise austanzte, dann bin ich froh, so einen Spieler im deutschen Trikot zu haben. Geboren wurde der Sohn einer deutschen Mutter übrigens in Stuttgart.

Also, was ich sagen will, wenn ich Deutscher bin, dann bin ich Deutscher. Oder wie man im Sport sagt: wie gewinnen zusammen, und wir verlieren auch zusammen.

Nicht nur im Sport, sondern in allen Bereichen, auch in der Politik. Ich kann mich nicht hinstellen und sagen: Deutsche Kultur, deutsche Autos, deutsches Bier toll und dann aber mit den üblen 12 Jahren zwischen 1933 und 1945 – da haben wir nichts damit zu tun. Gnade der späten Geburt und „Schuldkult“. So läuft das nicht. Wie in einer Ehe – alles im Paket mit drin, wenn man einmal Ja gesagt hat. Und ich halte das auch für ein großes Problem im modernen Deutschland, dass Leute kaum noch bereit sind, sich auf irgendwas festzulegen. Nicht einmal morgens im Schlafzimmer auf das Geschlecht. Wir sind in der Masse nicht mehr gewohnt, das Kreuz durchzudrücken und einen Standpunkt zu haben. „Eure Rede aber sei Ja, Ja und Nein, Nein…“ einfach nochmal im Matthäus-Evangelium nachlesen…

Ich möchte mich als Deutscher nicht freuen, wenn wir scheitern. Ich will nicht jubeln, wenn andere ein Tor gegen unsere Mannschaft schießen. Oder wenn Flicks Mannschaft am Sonntag ausscheidet.

Und ich halte diese Bundesregierung wirklich für eine Zumutung in großen Teilen, und die Energiepolitik der Grünen hat uns die derzeitige Lage zum größten Teil eingebrockt, in der wir alle stecken. Trotzdem möchte ich nicht, dass es in Deutschland auch nur einen Haushalt gibt, wo Menschen im Winter frieren müssen. Dieses Gemeinschaftsgefühl, das ist uns so sehr abhanden gekommen, uns als ein Volk zu verstehen, das sich streiten kann und in dem jeder so leben kann, wie er oder sie das möchte. Aber in dem es einen Grundzusammenhalt gibt.

Wenn Sie verärgert sind über die deutsche Mannschaft und Manuel Neuer, dann schauen sie die Spiele halt nicht! Wenn sie Katar nicht mögen – hey, es gibt viele andere Dinge, die man in diesen Wochen unternehmen kann. Und verbringen Sie die Zeit statt in Arabien halt auf Rügen!

Aber ganz ehrlich: Vor dem Fernseher zu sitzen und als Deutscher danach zu gieren, dass die deutsche Mannschaft scheitert, das halte ich für vollkommen irre. Vor allem, wenn es dann Leute sind, die sonst selbst gern „Deutschland zuerst!“ brüllen.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.