Jünger, rücksichtsloser, brutaler: Was deutsche Lehrer im Klassenzimmer erleben

Hochgestellte Stühle in einem leeren Klassenzimmer einer Gesamtschule. Foto: Guido Kirchner/dpa
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von JULIAN MARIUS PLUTZ

BERLIN – Laut einer aktuellen Studie geben mehr als die Hälfte aller Lehrer in Deutschland an, dass sie Gewalt von Schülern am eigenen Leib erfahren haben. Einen Grund des Anstieges sehen Experten in den strikten Lockdowns. Migrantische Jugendliche scheinen hierbei besonders betroffen zu sein.

Außenstehende dürften schockiert sein, doch Pädagogen sind wenig überrascht. „Die Zahlen stimmen zu 100 Prozent!“, meint Peter F., Lehrer eines Gymnasiums in der Nähe von Mainz, gegenüber TheGermanZ. In einer aktuellen Studie des Verbands für Bildung und Erziehung (VBE) Rheinland-Pfalz gaben 60 Prozent der befragten Schulleitungen an, dass es in den vergangenen fünf Jahren an ihren Schulen Fälle psychischer Gewalt gegenüber Lehrer gegeben habe. Die Rede ist von Beleidigungen und Belästigungen, aber auch Fälle von Bedrohungen gehören zum Alltag in deutschen Lehranstalten.

An jeder fünften Schule wurden der Studie zufolge Lehrerinnen und Lehrer Opfer von Cybermobbing. Besonders alarmierend gestalten sich die Zahlen, was physische Gewalt angeht: An fast einem Drittel der Schulen kam es in den letzten fünf Jahren zu körperlichen Angriffen auf Lehrer.

„Die Ergebnisse zum Thema Gewalt gegen Lehrkräfte sind bedrückend“, erklärte Lars Lamowski gegenüber SWR. Der Landesvorsitzende vom VBE Rheinland-Pfalz sagte, die weit verbreitete Gewalt gegen Lehrkräfte „wird seit Beginn der Corona-Pandemie zu einem immer größeren Problem an den Schulen“. Der Schutz der Lehrkräfte müsse laut Lamowski dringend auf die politische Agenda.

Mit Krücken auf die Lehrerin eingeschlagen

Dass sich das Problem nicht nur auf Rheinland-Pfalz beschränkt, zeigt die Broschüre „Gewalt gegen Lehrkräfte“ der Bezirksregierung Münster, die wiederum das Schulministerium Nordrhein-Westfalen empfiehlt. So gibt das Dokument „einen Überblick über verschiedene Gewaltformen, denen alle in Schulen Beschäftigte ausgesetzt sind. Zudem gibt sie Hinweise über mögliche Interventionen und rechtliche Einordnung von bestimmten Sachverhalten“, heißt es in den 56 Seiten.

Über Gewalterfahrungen berichtet auch Ina Müller. Seit 25 Jahren Lehrerin ist sie an einer Oberschule in Lüneburg. Eine 14-jährige Schülerin schlug zu, weil die Lehrerin ihr die Zigaretten wegnehmen wollte. „In meiner fünften Klasse hatte ich den einen Schüler, der seine Hausaufgaben zum wiederholten Male nicht gemacht hatte. Daraufhin konfrontierte ich ihn damit und er tickte völlig aus und warf dann mit einem Radiergummi und einem Lineal nach mir,“ so die Pädagogin gegenüber dem Deutschlandfunk (DLF)

„Sie beschimpfte mich mit ziemlich schlimmen Worten. Ich sagte, es tut mir leid, ich bleibe jetzt hier stehen und du kannst das Schulgelände jetzt nicht verlassen. Und daraufhin trat sie einen Schritt zurück, hob die beiden Gehkrücken, die sie zu dem Zeitpunkt gerade hatte, und schlug damit auf mich ein.“ führte Frau Müller im DLF weiter aus.

Kinderpsychiatrien sind überlastet

Eine Ursache für den Anstieg von Gewalt gegen Lehrern sieht Prof. Ulrike Ravens-Sieberer in den coronabedingten Maßnahmen, vor allem in den Lockdowns. Die Psychiaterin ist Forschungsdirektorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Sie ist zudem Leiterin der COPSY-Studie zum psychischen Wohlbefinden. „Insgesamt kann man sagen, die Kinder tragen die Last der Pandemie deutlich mit“, folgert Ravens-Sieberer bei Phoenix aus der COPSY-Studie, bei der Rund 1000 Kinder unter 18 Jahren sowie 1600 Eltern zum psychischen Wohlbefinden befragt wurden.

Die Studie offenbart eklatante Probleme. So nehmen Konflikte aufgrund der häuslichen Situation innerhalb der Familie zu. Gleichzeitig fielen die Möglichkeiten für Hobbys und der Kontakt zu Freunden weg. Bei den älteren Jugendlichen erzeugten die Maßnahmen Zukunftsängste, inwieweit sie den Umbruch von Schule in den Beruf meistern würden.

Die Folge sind laut Ravens-Sieberer psychische Auffälligkeiten bis hin zu psychosomatischen Symptomen und aggressiven Tendenzen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele psychisch auffallende Kinder und Jugendliche keine Möglichkeit haben, einen Termin bei einem Psychologen oder Psychiater zu erhalten. Laut Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, muss fast jeder zweite psychisch kranke Mensch drei bis neun Monate auf den Beginn einer Behandlung warten. Für Kinder ist diese Zeit besonders belastend.

Aus welchen Verhältnissen die gewalttätigen Schüler kommen, kann nicht exakt dargelegt werden, schlicht weil die Datenlage zu gering ist. Dennoch gibt es verschiedene Anhaltspunkte, dass Kinder aus bestimmten migrantischen Milieus überdurchschnittlich repräsentiert sind. Bereits im Jahr 2010 gab das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Expertise mit dem Titel “Gewaltphänomene bei männlichen, muslimischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ in Auftrag. Ministerin damals: Kristina Schröder (CDU).

Migrantische Jugendliche sind besonders gewalttätig

Auch wenn das Dokument den direkten Konflikt scheut, war der Politik bereits damals klar, dass es im Bereich Gewalt von jugendlichen Muslimen ein Problem geben sollte. „Es ist wichtig zu erwähnen, dass viele der beschriebenen Thesen und Präventionsvorschläge generell auf Jugendliche in unserer Gesellschaft zutreffen. Bezogen auf den Auftrag der Expertise haben wir uns insbesondere auf männliche, muslimische Jugendliche mit Migrationshintergrund konzentriert“, heißt es in der Expertise verklausuliert.

Deutlicher macht das Problem eine Analyse am Beispiel türkischer Jugendlicher aus dem Jahre 2019. Die Autoren Dirk Baier und Dominic Kudlacek. Laut ihrer Arbeit weisen Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund entsprechend verschiedenen Studien aus Deutschland höhere Gewalttaten auf als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Die Wissenschaftler beleuchteten Tathergänge anhand von Befragungen aus den Jahren 2013, 2015 und 2017. Die Ergebnisse bestätigen anhand dieser Datengrundlage, dass Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund häufiger ein physisches Gewaltverhalten zeigen. Während deutsche Jugendliche lediglich fünf Prozent gewalttätiges Verhalten an den Tag legen, sind es bei Türken zwölf Prozent.

Lehrer Peter F. aus Rheinland-Pfalz hat selbst keine Gewalterfahrungen erlebt. Wohl aber berichtet er von Kollegen, häufiger jedoch von betroffenen Kolleginnen. „Die Schüler, die Gewalt gegen die Lehrer anwenden, werden immer jünger, rücksichtsloser und brutaler“, so Peter F. Einmal schlug ein Drittklässler eine Kollegin an einer Gesamtschule mit seinem eigenen Schuh so sehr, dass sie danach eine Platzwunde zu versorgen hatte. „Der Respekt vor Autoritäten geht völlig verloren“, so der Lehrer gegenüber TheGermanZ.

Bildquelle:

  • Schule: pixabay
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