Mein Neujahrsspirit: Nein, es wird nicht besser in 2022 – es wird schlimmer

Blindflug in dunklen Wolken
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von CHRISTIAN KOTT

BERLIN – Ein neues Jahr kommt einem immer ein bisschen vor wie ein klarer Cut. Bis 31.12. war alles irgendwie A, aber jetzt, ab dem 1.1. wird alles ganz B!

Das ist pure Selbsttäuschung. Jahreswechsel sind Tage wie jeder andere auch. Deshalb taugen sie zum Bilanz ziehen, Ausblick wagen und Vorsätze fassen auch nur genauso viel oder wenig, wie jeder andere Tag auch.

Weil es aber nun einmal gute Sitte und Tradition ist, will ich mich nicht drücken und mit meinem unverwüstlichen Optimismus ein wenig Neujahrsspirit versprühen:

Bilanz

Die Bilanz nicht nur des vergangenen sondern auch der Jahre davor fällt hinsichtlich der Themen, die mir persönlich wichtig sind, tiefrot aus. Das sind Freiheit, Gerechtigkeit, Vernunft, Gewissen und auch gesellschaftlicher Wohlstand und Fortschritt. Niemand, der klar bei Sinnen ist, könnte bestreiten, dass nicht nur Deutschland sondern ganz Europa in diesen Bereichen Rückschritte gemacht haben, wie wir sie uns aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts heraus gar nicht mehr vorstellen konnten. Die Geschwindigkeit, mit der es in diesen Themenfeldern steil bergab geht, hat von Jahr zu Jahr zugenommen.

Ursachen dafür gibt es viele, und es würde hier den Rahmen sprengen, sie alle aufzuzählen, aber die wichtigste Ursache ist die dekadente Bequemlichkeit, mit der wir alle zulassen, dass Ideologen bewährte, vernünftige, natürliche und gerechte Regeln und Werte aushöhlen um sie dann sukzessive schleichend durch Wahnsinn zu ersetzen.

Ausblick

Kommt 2022 die Trendwende? Oder zumindest in diesem Jahrzehnt? Werden wir vielleicht noch einmal später von den „goldenen 20ern“ sprechen, weil wir jetzt aufwachen und endlich die Kurve kriegen? Zurück zur Vernunft?

So sehr das wünschenswert wäre: Nein.

In einem Land, in dem die Menschen zwar mehrheitlich merken, dass etwas ganz grundsätzlich nicht mehr stimmt, aber sich schon ganz revolutionär vorkommen, wenn sie an Silvester ohne jegliches Entdeckungsrisiko verschämt einen Knallfrosch aus dem Küchenfenster werfen, um es der Regierung durch Verstoß gegen das Böllerverbot mal so richtig zu zeigen, ist ein Anzeichen für eine Rückkehr zur ratio absolut nicht erkennbar.

Die Masse wird auch weiterhin Applaus spenden, wenn sich woke Selbstdarsteller auf breiter Bühne als „Klimaexperten“ – obwohl sie keine drei Baumsorten unterscheiden können – als „Gesundheitsexperten“ obwohl sie auf der Payroll des medizinischen Lobbyismus stehen und als „Gerechtigkeitsexperten“ obwohl sie alle Grundsätze der Ethik und Moral mit Füßen treten, darstellen.

Die meisten werden weiter den öffentlich-rechtlichen und den sogenannten „Leitmedien“ ohne nachzudenken glauben, dass diejenigen, die für Freiheit und Grundwerte auf die Straße gehen, alle sowieso nur „Querschwurbler“, „Nazis“, irgendwelche „Leugner“ oder noch Schlimmeres sind, und es deswegen doch irgendwie eigentlich ganz gut ist, wenn sie dafür, dass sie „Spazieren gehen“ von Freunden und Helfern zusammengedroschen werden.

Und der überwiegende Teil wird sich weiterhin an die absurde Vorstellung klammern, dass Wohlstand und Freiheit so wie Strom einfach immer weiter aus der Steckdose kommt, ohne dass man irgendetwas dafür tun müsse.

Und diejenigen, die diese Irrtümer aus ganz eigenen Motiven befördern, geben in der Wahl ihrer Mittel mittlerweile jede Zurückhaltung auf. Längst muss man nicht mehr nur „canceln“ oder „spalten“, wie in den letzten Jahren. Es zeigt sich deutlich, dass man immer autokratischer vorgehen kann, ohne dass es ernsthaften Widerstand gibt.

Unter diesen Bedingungen wird keine „Kurve gekriegt“.

Was daran denn optimistisch sein soll, fragen Sie? Schauen Sie sich diesen Text in einem Jahr noch einmal an, dann merken Sie, wie sehr ich die Lage noch unterschätzt haben werde…

Vorsätze

Was will ich dagegen tun? Macht es überhaupt Sinn, etwas dagegen zu unternehmen, wenn es doch aussichtslos ist?

Es macht Sinn. Die Geschichte hat gezeigt, dass sich nichts von alleine zum Besseren wendet.

Und es ist auch trotz allem nicht aussichtslos. Denn auch wenn die mittelfristigen Aussichten nicht rosig sind, der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Es könnte eben eine ganze Weile dauern, aber wenn man nichts für Freiheit tut, dann bekommt man sie auch nicht. Freiwillig haben Despoten noch nie das Zepter übergeben. Das wusste schon Goethe, als er in Faust II schrieb:

„Das ist der Weisheit letzter Schluss:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muss!“

Und darum lauten meine ganz persönlichen Neujahrsvorsätze, weniger meiner Zeit an Menschen zu verschwenden, die meine Zeit nicht wert sind.

Und Dinge und Täter noch deutlicher beim Namen zu nennen, indem ich mir von den Feinden des Pluralismus noch weniger meinen Stil und Wortwahl vorschreiben lasse als bisher schon.

Und diejenigen, die sich für Freiheit und Werte einsetzen, offener und aktiver zu unterstützen ohne dabei so oft darüber nachzudenken, welchen Repressalien ich dadurch möglicherweise ausgesetzt werde.

Damit habe ich dieses Jahr sicher genug zu tun. Prost Neujahr!

Bildquelle:

  • Dunkel_Doppeldecker: pixabay
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