Mein persönlicher Abschiedsbrief an Frau Bundeskanzlerin Merkel

Verlässt die Kapitän_*Innenbrücke: Angela Merkel. Foto: Markus Schreiber/AP POOL/dpa
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Liebe Frau Bundeskanzlerin,

wie viele andere Perönlichkeiten in Deutschland möchte auch ich aufrichtig „Danke“ sagen. Vor allen Dingen dafür, dass die Jahre Ihrer Kanzlerschaft nun zu Ende sind. Dabei habe ich gar nichts persönlich gegen Sie, wir kennen uns ja gar nicht. Aber die Auswirkungen ihrer Politik haben mein Land und mein Leben in den vergangenen 16 Jahren deutlich verändert, weswegen ich Ihnen hier gerne zum Abschied mitgeben möchte, was ich von Ihnen vorwiegend in Erinnerung behalten werde.

Ihnen ist es zu verdanken, dass Sie den Politikstil in Deutschland nachhaltig verändert haben. Vom trockenen, rationalen Ringen um die beste Lösung haben Sie den Übergang zu einer Emotionalisierung politischer Entscheidungen geschafft.

Warf man ihnen in den ersten Jahren ihrer Amtszeit noch politische Lethargie vor, so haben Sie Ihren Kritikern ab ihrer zweiten Legislaturperiode gezeigt, dass sie besser den Mund gehalten hätten.

Schon 2010, damals waren Sie gerade einmal fünf Jahre Kanzlerin, bewiesen Sie, was in Ihnen steckt, indem Sie in der Kapitalmarktkrise den ganzen rationalen Unsinn europäischer Vereinbarungen und volkswirtschaftlicher Selbstverständlichkeiten über Bord geworfen und einfach im Handstreich mal eben den Euro gerettet haben. Damals waren es auf der Kippe stehende gut 300 Milliarden Euro griechischer Staatsschulden, die Sie dazu inspiriert haben, es doch einmal ganz anders zu versuchen.

Zugegeben: die heutigen Folgen Ihrer damaligen, alternativlosen Entscheidungen lassen diese 300 Milliarden von damals als Peanuts erscheinen. Mit einem Bruchteil des verschwendeten Geldes hätte man die kompletten Staatsschulden Griechenlands auf einen Schlag tilgen können, aber sei’s drum, Politik muss auch Spaß machen. Und das Geld der Steuerzahler ist ja auch nicht weg, es hat nur jetzt ein Anderer.

Schon 2011 kamen Sie auf die nächste spannende Idee: Weil im fernen Japan ein Atomkraftwerk von einer Flutwelle getroffen wurde befreiten sie das tsunamifreie Deutschland von der Last der modernsten Kernkraftwerke der Welt. Damit nicht genug, auch Kohlekraftwerke können bald endlich abgeschaltet werden, schließlich liefern uns Sonne und Wind Energie im Überfluss. Kritiker dieser innovativen Idee sollten verbal abrüsten, denn an einem bewölkten, windstillen Tag liefern uns ja unsere Nachbarländer immer noch genug Kernenergie, um unsere Elektroautos laden zu können. Respekt für diese mutige Idee, die man Ihnen als Naturwissenschaftlerin gar nicht zugetraut hätte.

Nach einer Schaffenspause zeigten Sie 2015 den rationalen Langweilern, die hilflos mit Gesetzen und Verträgen wedeln, dann erst richtig, was eine Harke ist. Das gesamte europäische Migration-und Asylkonzept wurde von Ihnen quasi im Alleingang über Nacht kalt reformiert, indem Sie es einfach nicht mehr angewendet haben. Zum Glück haben Sie diesen Schritt mit den formalistischen Nörglern aus allen anderen EU-Staaten gar nicht erst besprochen. Denn seitdem ist die EU endlich wieder spannend geworden – statt der langweiligen Konzentration auf Frieden und Wohlstand gibt es heute wieder ein erfrischendes Konfliktpotenzial in der Gemeinschaft.

Außerdem haben Sie die altbackene CDU Adenauers und Kohls in eine Spaßpartei verwandelt, die an Unterhaltungswert deutlich zugenommen hat. Dabei haben Sie bewundernswerte Opferbereitschaft gezeigt, denn hatte die CDU 2013 noch 41,5 Prozent bei der Bundestagswahl erreicht, so waren es 2017 nur noch 32,9 Prozent und 2021 dann schmeichelnde 24,1 Prozent. Das muss auch reichen, denn die Konzentration auf nüchterne Zahlen bringt uns nicht weiter.

Das alles muss Ihnen erst mal jemand nachmachen! Und auch wenn die nächste Regierung sich redlich bemühen wird – in Ihre großen Fußstapfen zu treten ist wirklich eine Herausforderung.

Deshalb – und die Bilanz ist noch nicht einmal vollständig – möchte auch ich mich heute gerne mit diesem Brief von Ihnen verabschieden. Genießen Sie Ihren Ruhestand!

Ihr Christian Kott

Bildquelle:

  • Angela Merkel: dpa
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