„Mein Uterus tut weh…“ Nachdenken über unsere Hauptstadt

"Uterus"-Performance am Berliner Mauerpark.

BERLIN – In Berlin gibt es Dinge, die können Sie sich – wenn Sie anderswo leben – nicht in Ihren kühnsten Träumen vorstellen.

Am Sonntag war ich mit zweien unserer Kinder, die in Nordrhein-Westfalen leben, in Berlin unterwegs. „Hauptstadt gucken“, so nennen wir das ein bisschen spöttisch, aber hey, Berlin ist immer eine Reise wert. Wirklich!

Neben Brandenburger Tor, Reichstag, Kastanienallee und „Curry 36“ landeten wir irgendwann am „Mauerpark“ im Prenzlauer Berg, wo sonntags ein großer Flohmarkt stattfindet, der bei Sonnenwetter Zehntausende anlockt, um dieses sogenannte alternative Lebensgefühl kennenzulernen.

Allerlei buntes Völkchen kommt hier zusammen, um mit dem Positiven anzufangen. Live-Musik, Außengastronomie, viele Eltern mit ihren Kindern, nervende Lastenfahrräder übrall und über allem wabern Marihuana-Dämpfe. Berlin eben.

Erinnern Sie sich noch an das alte West-Berlin?

Das eingemauerte, der Zufluchtsort für verzweifelte Schwaben, die den beschaulichen Mief ihrer Schwarzwald-Idylle nicht mehr ertragen wollten?

Mein Chef damals beim ersten Privatradio in Berlin nannte die Bewohner dieser Insel der Freiheit im roten Meer gern die „Schultheiss-Berliner“.

Die gingen zu Hertha BSC und zum Sechs-Tage-Rennen, liebten ihren Harald Juhnke und Frank Zander. Der Bund pumpte mit der Berlin-Zulage Milliarden D-Mark in die Stadt, damit der Westen glänzte. Das KaDeWe und der Kurfürstendamm waren strahlende Symbole des Kapitalismus, das Axel-Springer-Hochhaus wurde direkt an der SED-Schandmauer hochgezogen. Und die große Hildegard Knef sang von ihrem Koffer in Berlin.

Ich habe viele schöne Erinnerungen an die Zeit damals, doch wie nach einer verschmähten Liebe, so ist es auch bei früheren Lebensabschnitten. Je länger sie zurückliegen, desto mehr neigt man dazu, sie zu verklären und sich nur noch an das Positive zu erinnern.

Darüber denke ich nach, als ich bei herrlichem Sonnenwetter mit meinen Jungs im Mauerpark sitze und ein kaltes Pilsner Urquell trinke. Gestern war ich auch schon hier, bei „Tante Käthe“ nebenan, Berlins beliebter Fußballkneipe, um mir die 1:3-Klatsche meines Provinzclubs gegen den Provinzclub aus Elversberg anzutun. Andere gehen ins Sadomaso-Studio, ich gucke Arminia Bielefeld.
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In einem unaufmerksamen Moment klaute mir dabei jemand mein Portemonnaie, wie ich später in der S-Bahn bemerkte. War eh kaum etwas drin, aber als ich zu Hause ankam stellte ich fest, dass der Dieb schon versucht hatte, mit meiner Sparkassencard einzukaufen. In einer Bäckerei hatte er oder sie zwei Teilchen oder „Schrippen“ für je 1,40 Euro gekauft. Gesamtverlust also 2,80 Euro, bevor ich die Karte sperren ließ. Das ist wohl der Preis der Metropole, den man einplanen muss. Ich verzichtete auf eine Strafanzeige, ärgerte mich aber, dass ich jetzt zu Behörden laufen muss, um Ausweise, Karten und Führerschein neu machen zu lassen.

Hat sich Berlin wirklich so verändert sei den Zeiten der Teilung?

Ja, eindeutig. Ist es schlimmer geworden? Ich weiß nicht so richtig.

Wie gesagt, man neigt zur Verklärung der Vergangenheit. Aber waren die Hausbesetzungen und die schweren Mai-Krawalle, die Zustände rund um die Drogenszene am Bahnhof Zoo und den Billig-Strick in der Kurfürstenstraße wirklich besser als die Vermüllung und die Silvesterkrawalle unserer Zeit? War der mörderische linke Terrorismus damals irgendwie netter als die kreischenden Palästinenser-Kids und die arabischen Clans?

Ich neige nicht dazu, Berlin zu verklären

Aber ich mag die Stadt, und ich mag auch die Berliner, wenngleich ich nicht verstehe, warum sie so irre wählen, wie sie es regelmäßig tun. Aber ich bin ja auch nur ein Zugereister.

Im Mauerpark steht derweil eine junge Künstlerin aus der Schweiz, die nach eigenem Bekunden feminische Sachen mit ihrer Gitarre vor einem Mikrofon darbiete und ein Lied singt, dessen Refrain lautet: „Mein Uterus tut weh…“

Alle klatschen. Ein übergewichtiger Mann in seinen Fünfzigern mit schwarzem Ledermantel, darunter erkennbar nur nackte Haut, schlendert in Turnschuhen vorbei. Wir entscheiden uns spontan gegen ein zweites Bier an diesem Ort und gehen weiter, dem nächsten Irrsinn entgegen….

Bildquelle:

  • Mauerpark_Berlin: klaus kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.