Merkels großer Zapfenstreich: Ein Hochamt für die Jubelperser-Journaille

Militärisches Zeremoniell für die scheidende Bundeskanzlerin.
Anzeige

von CHRISTIAN KOTT

BERLIN – Als jemand, der noch „gedient“ hat, und zwar unter den Bedingungen der Endphase des kalten Krieges ist mein Respekt vor militärischen Traditionen genügend ausgeprägt um sich tatsächlich anzuschauen, wenn Stabsmusikkorps und Wachbataillon der Bundeswehr die traditionsreiche und würdevolle Zeremonie des „großen Zapfenstreichs“ zelebrieren.

Und dabei geht es mir nicht um die Person der Zeitgeschichte, die da (in aller Regel ohne jeden sachlichen Grund) gerade geehrt wird. Diese Personen versuche ich schon seit dem Zapfenstreich für Gerhard Schröder auszublenden, der den Soldaten der Bundeswehr seine Verachtung zeigte, indem er sich für die Serenade Bertolt Brecht´s „Mackie Messer“, „Summertime“ und „My way“ wünschte. Seitdem hatte kein einziger der VIPs mehr verstanden, dass das Vorrecht des Geehrten, sich Musikstücke aussuchen zu dürfen kein Freibrief dafür ist, das Musikkorps durch möglichst dämliche Auswahl profaner Unterhaltungsmusik der Lächerlichkeit Preis zu geben.

Merkel ist da natürlich keine Ausnahme. Mit der Auswahl ihrer Musikstücke zeigte die Egomanin deutlich, dass es einer wie ihr vollkommen egal sein kann, wie sich ein Musiker, der stolz darauf ist, es zum Stabsmusikkorps der Bundeswehr gebracht zu haben, wohl fühlt, wenn er als Militärmusiker dazu gezwungen wird, „Du hast den Farbfilm vergessen“ zu spielen.

Geschenkt. Wir kennen Merkel jetzt 16 endlose Jahre. Wir wissen zur Genüge, wie sie tickt. Und das wäre auch die Mühe dieses Artikels gar nicht wert gewesen. Etwas Anderes ist viel interessanter: Das Drumherum um den Zapfenstreich und die Berichterstattung darüber zeigt uns deutlich, welches Land uns die beliebteste Staatenlenkerin aller Zeiten hinterlassen hat.

Denn so ziemliches jedes Medium, das auf sich hält übertrug und kommentierte den Zapfenstreich live, entweder auf eigenem TV-Kanal oder im Internet als Livestream. In letzterem versuchte ich verzweifelt, eine unkommentierte Version zu finden, was mich dazu brachte, so ziemlich alle Medienkanäle des Landes, in dem wir gut und gerne leben, durchzuzappen. Keine Chance. Keiner der Kanäle verzichtete darauf, der Veranstaltung mindestens zwei Moderatoren ohne jede Fachkenntnis zur Seite zu stellen, die sich schon im Vorfeld der Veranstaltung dadurch disqualifizierten, dass sie den großen Zapfenstreich eher halbherzig gegen den absurden Vorwurf linksextremistischer Geschichtsklitterer eines Zusammenhangs zum Nationalsozialismus (es handelt sich aber um eine preußische Tradition aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts…) verteidigten. Genauso unerträglich, wenn sich die offensichtlich bildungsfernen Plappermäuler mitten in die Zeremonie hinein entschuldigend wunderten, dass das alles ja doch ziemlich „militärisch“ sei. Ja, was denn wohl sonst?

Egal wohin ich zappte, jede Facette des Ablaufs wurde durch komplett ahnungslose Moderatoren mit offensichtlich von Volontären aus Wikipedia zusammengestellten Selbstverständlichkeiten im Stil eines Sportmoderators überquasselt.

Noch spannender der Blick dieser Journalisten-Darsteller, wenn es um die scheidende Kanzlerin selbst ging. Fachliche Neutralität? Journalistische Distanz? Fehlanzeige.

Mit vor Empathie brechender Stimme interpretierten die journalistischen Wegbegleiter Merkels in ihr gelangweiltes Gesicht „Tränen der Rührung“ hinein. Durch die Mikrofone hindurch konnte man die tiefe Bewunderung der Journaille für die Frau spüren, die in Deutschland in 16 Jahren einen Schaden hinterlassen hat, den mindestens eine ganze Generation mühsam wird ausbaden müssen. Das muss man am Tage ihres Abschieds nicht unbedingt sagen, aber wie deutlich die Hofberichterstatter aller Kanäle gezeigt haben, dass sie der Kanzlerin dafür dankbar sind, dass sie rot-grünes Lebensgefühl im schwarzen Gewand gelebt hat war schon sehr auffällig und einfach unprofessionell.

Und genau darin liegt die Erkenntnis im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft: Den Blick auf das, was geschieht, werden wir nicht mehr ungefiltert bekommen. Egal worum es geht, berichtet wird immer mit einem Kommentar, der uns zeigt, wie wir das Geschehene gefälligst zu interpretieren haben. Wir können zappen wie wir wollen, alle zeigen uns die gleichen Bilder mit grüngespülter Auslegungshilfe.

Und deshalb liegen die wichtigsten Hinterlassenschaften Merkels nicht in ihren vier großen Fehlentscheidungen. Weder die desaströse Währungspolitik um die Eurorettung und seine immer noch anhaltenden Folgen, nicht die Spaltung der europäischen Union, die bislang im Herausekeln Großbritanniens aus der EU gipfelte, noch die desaströse und planlose „Energiewende“, für die wir von der ganzen Welt ausgelacht werden und auch nicht die durch einen katastrophalen Alleingang selbst angerichtete Flüchtlingskrise werden Merkels größtes Vermächtnis sein.

Sie wird am deutlichsten ihre Spur damit hinterlassen, dass es ihr gelungen ist, den journalistischen Pluralismus in einen Einheitsbrei aus Jubelpersern zu verwandeln.

Bildquelle:

  • Großer_Zapfenstreich_Merkel: dpa
Anzeige