Milliarden-Korruption, Folter, Sexskandale: Der „Ziegenhirte“ Zuma zieht nun auch Südafrika in den Abgrund

Jacob Zuma trat wegen Korruptionsvorwürfen als Präsident Südafrikas zurück
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von DIETRICH KANTEL

JOHANNESBURG – Jacob Zuma, Vergewaltiger, Folterer, Polygamist und vor allem: höchst korrupt, war knapp neun Jahre lang Präsident der Republik Südafrika. Wegen drohender Amtsenthebung trat er 2018 zurück. Rechtskräftig wegen Korruption und Missachtung des Gerichtes verurteilt wurde er nun verhaftet. Darauf stachelte er seine Gefolgschaft zum Aufruhr an. Chaos, Gewalt, Totschlag und Plünderung in für Südafrika bisher unbekanntem Ausmaß waren die Folge: Mehr als 1.000 Geschäfte und Betriebe wurden geplündert und abgefackelt. Kliniken, Hafenanlagen, Infrastruktureinrichtugen wurden verwüstet. 10.000 Soldaten und Polizisten mussten dagegen in Marsch gesetzt werden. Teile Südafrikas drohten tagelang im Chaos zu versinken, das mindestens 200 Tote forderte.

Vom Ziegenhirten ohne Schulbildung zum MIlliardär

Der Inhaftierte ist eine schillernde Figur. Er war Ziegenhirte und ist ohne jede formale Schulbildung. Über die Zahl seiner Ehefrauen und Konkubinen wurde allenthalben spekuliert. Strafanzeigen wegen Vergewaltigung verliefen stets im Sand. Mit Korruptionsvorwürfen und -prozessen musste er sich viele Jahre herumschlagen, schon aus der Zeit vor seiner Präsidentschaft. Da war er u.a. Vizepräsident und Chef der Mehrheitspartei ANC. 783 solcher Korruptionsanzeigen und auch Foltervorwürfe gegen ihn wurden jedoch im Rahmen des Versöhnungsprozesses nach Ende der Apartheid niedergeschlagen. Misstrauensvoten überstand er dank der Zweidrittelmehrheit des ANC im Parlament. Glücklicherweise sind südafrikanische Gerichte für afrikanische Verhältnisse (noch) recht unabhängig und gegenüber den Regierenden sehr selbstbewusst. Sie blieben am Ball.

Nur hundert Milliarden: Make Baba Happy

Hilfreich war dabei eine unabhängige Investigativgruppe afrikanischer Journalisten. Die hatten Genaueres zum Konglomerat des Zuma-Clans zu bieten. In „The Plunder Route to Panama“ veröffentlichten sie das Ergebnis ihrer Recherchen.

Es seien „lediglich“ 100 Milliarden Rand (sieben Milliarden US-Dollar) gestohlen worden. So die sarkastische Feststellung des vormaligen südafrikanische Finanzministers Gordham. Der zielte damit auf die lange Verdachtsliste von Finanztransaktionen, bei denen Geld über Konten der drei indischen Gupta Brüder, Atul, Ajay und Rajesh via Dubai unter Verwischung von Spuren weiter geschleust wurden. Diese drei sind enge Freunde von Duduzane Zuma. Der ist ein Sohn des Ex-Präsidenten. Minister Gordham weigerte sich seine Untersuchungen einzustellen. Der Präsident feuerte ihn und ersetzte ihn durch einen Gefolgsmann des Zuma-Clans. Der stoppte alle Untersuchungen.

Staatliche Institutionen wurden mit Zuma-Gefolgsleuten durchseucht, wo immer Untersuchungen leicht erstickt werden konnten: Chef der Steuerbehörde Südafrikas wurde der frühere Babysitter der Kinder des Präsidenten. Polizeiminister wurde einer seiner alten Kampfgenossen. Ein Freund von Nashornwilderern wurde Geheimdienstminister. Oberster Staatsanwalt und Chefankläger wurde Shaun Abrahams. Der wurde wegen seines beschränkten Intellekts allseits als „Shaun das Schaf“ verspottet. Er unterband jedoch alle weiteren Ermittlungen, die das „Zupta-Imperium“ betrafen, also das Geschäftsfeld von Mitgliedern der Zuma- und der Gupta-Familie. Alles, so „The Plunder Route to Panama“ zielte darauf ab, wie in der Regierungspartei unverhohlen ausgesprochen wurde, den „Vater“ finanziell glücklich zu machen („Make Baba Happy“). „Baba“ – das war Zuma.

Free Zuma

Um den Inhaftierten frei zu bekommen, rief der Zuma-Clan nun den Mob auf die Straße. Die Zielrichtung sei klar, so der profunde Afrikakenner Hans Christoph Buch kürzlich in der WamS: „Es handelt sich um den gezielten Versuch, die Infrastruktur von Afrikas einzigem Instustriestaat mit dem Ziel lahmzulegen, die berechtigte Unzufriedenheit der in Armut vegetierenden Massen gegen den gewählten Regierungschef Cyril Ramaphosa zu mobilisieren, um Jacob Zumas korruptem Anhang wieder an die Macht zu verhelfen.“ Sollte dies gelingen, droht Südafrika der rasche wirtschaftliche Verfall. Dann droht auch der Nation am Kap das Schicksal des gesamten Kontinents südlich der Sahara. „Das afrikanische Elend“ nennt das Paul Theroux, der US-amerikanische Reiseschriftsteller, der den Kontinent wie kaum ein Zweiter seit Mitte der 1960er Jahre bereist hat, in seinem 2017 erschienen Reisebericht „Ein letztes Mal in Afrika“ (Hoffmann und Campe). Nach rund 4.000 Straßenkilometern seiner alterbedingt letzten Reise resümiert der Afrika-Verliebte resignierend:

„Städte, die sich in ihrem Elend und ihrer Verwahrlosung durch nichts unterscheiden. In den unsäglich zerrütteten Städten des Afrika südlich der Sahara fristen die von ihren Regierungen ignorierten Armen – die Millionen, die zwischen dem Müll minderwertiger, in China hergestellten Haushaltswaren – Schüsseln und Eimern aus Plastik und tragen in China gefertigte Kleidung. … Sie leiden alle unter denselben Unzulänglichkeiten – Nahrungsmittelmangel, das Fehlen von Sanitäreinrichtungen, Krankenhäusern, Schulen und Sicherheit. … Sie warten ohne Hoffnung auf Erlösung oder auch nur Veränderung.“

Was der Autor vorfand bezeichnet er als „zerstörtes Paradies … Ausgeplündert durch seine politischen Eliten, die sich einen Dreck um die von ihnen regierten Menschen kümmern.“

Bildquelle:

  • Jacob_Zuma_Südafrika: dpa
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