Mord an Alexej Navalny: Wie konnte in einem abgeriegelten russischen Straflager eine Gewebeprobe heimlich genommen und in den Westen geschafft werden?

Auch in Deutschland wurden Blumen zum Gedenken an Alexej Navalny niedergelegt.

von KLAUS KELLE

BERLIN/MOSKAU – Es ist ein Thema, das mich seit der Münchner Sicherheitskonferenz mehr beschäftigt, ja umtreibt, als die Reden von Rubio und Merz. Die Behauptung, dass der seit zwei Jahren tote Kremlkritiker Alexej Nawalny nun bewiesen vergiftet wurde.

Nawalnys Tod habe „natürliche Ursachen“, hat der russische Staat damals offiziell erklärt, nachdem der unbequeme Putin-Gegner genau heute vor zwei Jahren um 14.17 Uhr Ortszeit tot aufgefunden worden sein soll.

Sie wissen, dass ich aus jahrzehntelanger Erfahrung erst einmal nichts glaube, was der Kreml offiziell verlauten lässt. Lügen gehört da sozusagen zur Staatsraison, wie sich an vielen Beispielen nachweisen lässt.

Und dass russische Geheimdienste wie der FSB (KGB-Nachfolger) oder der militärische Geheimdienst GRU politische Gegner ohne Zögern umbringen lassen, ist bekannt. Das ist nicht nur die Reihe seltsamer Stürze von russischen Energiemanagern aus Fenstern in Wohn- und Krankenhäusern: Da sind auch die prominentesten Fälle zu nennen:

Jewgeni Prigoschin (2023): Der Chef der Söldnergruppe Wagner starb bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz über russischem Boden, nur zwei Monate nach seinem gescheiterten Meuterei-Versuch gegen die Kreml-Führung. Oder Boris Nemzow (2015): Der ehemalige Vize-Ministerpräsident und scharfe Putin-Kritiker wurde auf einer Brücke direkt in Sichtweite des Kreml mit vier Schüssen in den Rücken ermordet. Anna Politkowskaja (2006): Die investigative Journalistin, die Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien aufdeckte, wurde im Aufzug ihres Wohnhauses in Moskau erschossen – an Putins 54. Geburtstag – als Geschenk sozusagen. Alexander Litwinenko (2006): Der ehemalige KGB-Agent wurde in London mit radioaktivem Polonium-210 vergiftet, das ihm in einer Tasse Tee verabreicht wurde. Und Zelimkhan Khangoshvili (2019): Ein georgischer Staatsbürger und ehemaliger Kämpfer wurde am helllichten Tag im Kleinen Tiergarten in Berlin von einem russischen Agenten per Schuss in den Hinterkopf ermordet.

Und das sind nur die prominenten Fälle, von denen Sie alle gehört haben

Unter dem früheren KGB-Offizier Wladimir Putin, der immer ein Tschekist geblieben ist bis heute, ist Russland wieder zu einem Mörderstaat geworden, dem das Leben von Menschen nichts wert ist. Das sehen Sie im großen Stil beim Krieg gegen die Ukraine mit bisher 1,3 Millionen Opfern, ohne dass Moskau auch nur eines seiner Kriegsziele erreicht hätte. Und das sehen Sie an den genannten Fällen hier. Traue ich Wladimir Putin und seinen Schergen zu, Alexej Nawalny umgebracht zu haben? Natürlich.

Aber als Journalist muss ich die Geschichte, die man uns und der Weltöffentlichkeit am Samstag in München präsentiert hat, unbedingt hinterfragen. Denn diese Erzählung hat einen Haken. Aber fangen wir ganz vorne an…

Der Tod Nawalnys am 16. Februar 2024 in der Strafkolonie Nr. 3, bekannt als „Polarwolf“, war nur das Ende einer jahrelangen physischen Zermürbung dieses Mannes, der Putin öffentlich durch den Nachweis schwerer Korruption und dem Stehlen russischen Staatsvermögens erheblich zugesetzt hat.

Und so versuchten sie es zum ersten Mal am 20. August 2020:

Nawalny befand sich auf einem Inlandsflug von der sibirischen Stadt Tomsk nach Moskau, als sich plötzlich sein Gesundheitszustand dramatisch verschlechterte. Er bekam starke Schmerzen, verlor das Bewusstsein und kollabierte schreiend im Gang des Flugzeugs. Der Pilot entschied sich zu einer Notlandung in Omsk, wo Nawalny in ein örtliches Krankenhaus eingeliefert und in ein künstliches Koma versetzt wurde.

Die Polizei fand bei den Ermittlungen Spuren des Nervengifts „Nowitschok“ an einer Wasserflasche in seinem Hotelzimmer in Tomsk. Eine Recherche – unter anderem von Bellingcat – wies nach, dass Nawalny vor dem Anschlag von einem FSB-Spezialteam beschattet worden war. Nach einigem Zögern der russischen Behörden wurde Nawalny am 22. August 2020 in die Berliner Charité ausgeflogen. Der Befund von Speziallaboren der Bundeswehr sowie in Frankreich und Schweden wies zweifelsfrei nach, dass Nawalny mit einer Variante des militärischen Kampfstoffs „Nowitschok“ vergiftet wurde. Doch er überlebte.

Kommen wir also zum Tod in der Strafkolonie Nr. 3 „Polarwolf“

Nach offizieller Version brach Nawalny an dem Tag heute vor zwei Jahren nach einem Spaziergang zusammen. Sofortige Wiederbelebungsversuche seien gescheitert. Der Ort – Charp, jenseits des Polarkreises – war strategisch aus Sicht des Kreml bestens ausgewählt: isoliert, schwer zugänglich und unter absoluter Kontrolle des Inlandsgeheimdienstes FSB.

Tagelang wurde der Mutter Nawalnys nach diesem 16. Februar der Zugang zum Leichnam ihres Sohnes verweigert. Man sprach von „chemischen Analysen“, die durchgeführt werden müssten. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man warten wollte, bis Giftstoffe im Körper zerfallen.

Doch damit komme ich zum Punkt, der aus meiner Sicht nicht überzeugend ist.

Wie konnten trotz totaler Überwachung und Abschottung in einem russischen Straflager Gewebeproben entnommen, in den Westen geschmuggelt und an die Witwe Julija Nawalnaja übergeben werden?

Zugegeben: Als der Leichnam nach massivem öffentlichem Druck Ende Februar 2024 endlich nach Moskau überführt wurde, entstand möglicherweise ein logistisches Nadelöhr. Zwischen der Freigabe aus dem staatlichen Leichenschauhaus und der Beerdigung am 1. März auf dem Borissowskoje-Friedhof gab es wahrscheinlich Momente, in denen Nawalnys Körper nicht unter der exklusiven Aufsicht des FSB stand. Aus dem Umfeld Nawalnys raunt man, dass Sympathisanten innerhalb des medizinischen Apparats oder beim Bestatter ein extremes persönliches Risiko eingegangen seien. Sie hätten winzige Gewebestücke und Haarproben gesichert, die so winzig waren, dass man die Proben, versteckt in Alltagsgegenständen, nach Europa hätte schmuggeln können.

Fast zwei Jahre lang blieben diese Proben dann unter Verschluss – warum eigentlich? Und bei wem? Dann machten sich spezialisierte Labore in Deutschland und einem weiteren EU-Staat an Analysen. Das Ergebnis, das am Wochenende in München bekannt gemacht wurde: Nawalny sei mit Epibatidin vergiftet worden.

Dass dieses Gift gefunden wurde, ist allerdings eine weitere Merkwürdigkeit.

Denn Epibatidin ist ein Alkaloid, das ursprünglich aus der Haut von Pfeilgiftfröschen gewonnen wird. Es ist zweihundertmal stärker als Morphin, wirkt aber nicht schmerzlindernd, sondern führt durch Blockade der Nikotinrezeptoren zum Atemstillstand. Warum sollte der Kreml, falls er für den Mord verantwortlich ist, von Nowitschok auf ein exotisches Pfeilgift umsteigen? Experten sagen jetzt, dass man ein Gift suchte, das bei Standard-Autopsien nicht entdeckt wird und dessen Symptome – Herzstillstand und Atemnot – perfekt als natürlicher Tod getarnt werden können.

Für mich ist die Beweiskette gegen den Kreml und seine Mörder in diesem Fall nicht geschlossen. Und es ist zweifelhaft, ob wir je erfahren, was wirklich passiert ist…

Bildquelle:

  • Gedenken_Navalny: thauwald-pictures

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.