Muss man eine 93-Jährige noch einsperren?

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Liebe Leserinnen und Leser,

in unregelmäßigen Abständen verfolge ich immer mal in Zeitungsartikeln und Internetforen das Schicksal der Ursula Meta Hedwig Haverbeck-Wetzel. Die 93-Jährige ist – wie wikipedia das nennt – eine „rechtsextreme Aktivistin“, die deshalb bekannt geworden ist, weil sie bis heute beharrlich den Holocaust leugnet. Wer das heute immer noch tut, der oder die ist ein Fall für einen Neurologen. Die bekannten Fakten, die Fotos und Filmaufnahmen, die vielen Tausend Zeugnisse von Überlebenden der Vernichtungslager, die zahlreichen Prozesse gegen Täter bis hin zu SS-Obersturmbandführer Adolf Eichmann – all das ist ja nachzulesen, anzuschauen und greifbar. Man kann das monströse Verbrechen natürlich historisch zerlegen, Zahlen anzweifeln oder fehlende Akten bemängeln – wenn man meint, das tun zu müssen, niemand hindert sie. Aber zu behaupten, es habe den organisierten Massenmord an den Juden des „Reiches“ überhaupt nicht gegeben, das ist so unfassbar absurd, dass einem die Worte fehlen.

Und es gibt natürlich unterschiedliche Aspekte, dieses Themas zu betrachten. Auch zum Beispiel, was das für Groupies sind, die der Haverbeck kreuz und quer durch die Republik folgen, um bei Vorträgen, wenn sie mal gerade nicht eingesperrt ist, zu lauschen und ihr huldigen für diese schwachsinnigen Behauptungen. Aber das ist ja nicht so selten auch bei anderen historischen Großereignissen, wenn wir einfach als leichtes Beispiel 9/11 wählen, den größten Terroranschlag in der Geschichte, als islamistische Terroristen vier Passagierflugzeuge in den USA kaperten und drei dann in Gebäude steuerten und dabei 3000 Menschen töteten. Für Allah irgendwie oder so.

Es gibt „Truther“, die machen sich wichtig mit der Behauptung, in das Pentagon sei damals kein Passagierflugzeug gekracht, sondern ein Lenkflugkörper der US-Streitkräfte. Das Einschlagloch sei viel zu klein für ein Flugzeug gewesen, der Rasen völlig unversehrt und keine Trümmerteile zu sehen, sagt man. Thierry Meyssans schrieb 2002 einen Bestseller darüber. Und es gab zwar einen kurzen Film vom Einschlag, wo das Flugzeug aber kaum zu sehen ist. Das kann doch kein Zufall sein, oder?

Dumm nur, dass 752 Menschen, den Einschlag der Maschine um genau 15.43 Uhr live miterlebt haben, die meisten im Auto auf dem nahegelegenen Highway, natürlich auch Passanten. 752! Und wissen Sie was? Alle, ausnahmslos alle haben beschrieben, wie da gut erkennbar eine Boeing 757-200 der American Airlines (Flug 77) einschwebte und in der Gebäude krachte. Alle hatten es mit eigenen Augen gesehen, alle haben es ausgesagt – aber es gibt dann trotzdem Leute, die es besser wissen. Und wenn jemand von Ihnen hier gerade nachliest und feststellt, dass es vielleicht 753 Zeugen waren, dann ist natürlich klar: der Kelle steckt da auch mit drin. Sei’s drum…

Doch zurück zu Frau Haverbeck. Das deutsche Strafrecht hat zwei wesentliche Komponenten. Zum einen soll es verhindern, dass ein Täter der Gesellschaft und anderen Bürgern weiterhin schweren Schaden antun kann. Oder es soll zweitens eine Resozialisierung, ein Umdenken bewegen. Die Einsicht in den eigenen tragischen Irrtum. Beides ist bei Frau Haverbeck erkennbar nicht gelungen, obwohl sie wegen Holocaust-Leugnung zahlreiche Strafverfahren hatte und auch schon mal zwei Jahre im Knast einsitzen musste.

Geht von dieser verwirrten Frau eine Gefahr für die öffentliche Ordnung aus? Mit 93 Jahren? Ich wüsste nicht wie. Und im Internet und auf dem Buchmarkt gibt es so viel Müll, da ist eine mehr oder weniger zu verkraften für eine freiheitliche Gesellschaft. Und ist anzunehmen, wenn man die 93-Jährige wieder für ein Jahr in eine Zelle sperrt, dass sie ihren Irrtum dann bemerkt und widerruft? Eher stellt sich die Erde doch noch als eine Scheibe heraus.

Ich habe kein Mitleid mit der Frau, aber ich frage mich, was soll das jetzt mit dem Einsperren? Man sollte ihr ein Auftrittsverbot erteilen und sie keine Interviews mehr geben lassen, hauptsächlich um sie vor sich selbst zu schützen. Aber einsperren in eine Zelle mit einer Stunde Hofgang für ein ganzes Jahr. Ich weiß nicht, es behagt mir nicht, einfach weil sie so alt ist und kurz vor Ende ihres Lebens.

Man sperrt sie jetzt wieder weg, obwohl klar ist, dass keine der Ziele der Strafe zu erreichen ist. Muss das also sein.

mir besten Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.