Nachtflugverbote bei unseren internationalen Flughäfen? Das ist total plemplem

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Liebe Leserinnen und Leser,

ein wichtiges Thema rund um jeden Großflughafen in Deutschland ist – natürlich – der Fluglärm und damit der Flugbetrieb bei Nacht. Und ja, wenn Sie eine Wohnung oder ein Haus neben dem Flughafen in Frankfurt haben, dann fliegen da – wenig überraschend – eine Menge Flugzeuge jeden Tag. So wie auch beim Berliner Hauptstadtflughafen BER.

Den hat man, genau wir den Münchner Franz-Josef-Strauß-Flughafen, auf das platte Land verlegt, damit solche Probleme – neben den wichtigen Strukturfragen wie der optimalen Verkehrsanbindung – minimiert werden.

Am BER gilt ein Nachtflugverbot zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens. Doch man hat Ausnahmeregeln geschaffen für Postflüge, Ambulanz- und Rettungsflüge, Einsatzflüge von Militär und Polizei sowie Notlandungen und Überführungen. Im ersten Halbjahr kamen dabei 618 Flüge zusammen. Und – typisch deutsch – durch die gut gemeinte Regelung ist der Flugverkehr direkt vor und nach dem Nachtflugverbot wesentlich intensiver aals normal. Eine Anfrage der AfD im brandenburgischen Landtag bracht jetzt das Ergebnis, dass zwischen 1. November 2020 und 31. Oktober 2021 jeweils in der Zeit von 22 Uhr bis sechs Uhr insgesamt 6856 Flüge gezählt wurden. 5933 davon gewerbliche Flüge, also in der Regel Linienmaschinen.

Also im Grunde ist diese Regelung wieder einmal Schattenboxen, Theater fürs Publikum. Sehen Sie, liebe Wählerinnen und Wähler, wir tun was, damit sie ruhig schlafen können, was aber davor und danach passiert, das ist nicht unsere Sache. Wir wohnen im Einzugsgebiet des Internationalen Düsseldorfer Flughafens, nicht direkt daneben, 25 Kilometer entfernt. Wenn da die Maschinen starten, hören wir nix. Und wenn wir im Sommer im Garten sitzen und alle fünf Minuten zieht da ein Jet vorbei, dann hat das sogar was von urbanem Lebensgefühl.

Als ich als junger Journalist in Berlin lebte, hatte ich zu Beginn eine Wohnung direkt neben dem Flughafen Tempelhof. Liebe Kinder, da starteten und landeten damals noch Flugzeuge. Und ich fand es – entschuldigen Sie den Ausdruck! – geil, morgens aufzuwachen und vom Bett aus zuzusehen, wie da vorwiegend Propellermaschinen mit ihren Lichtern in atemberaubender Nähe über uns hinweg zur Landung ansetzten.

Nicht so geil fanden es die Fußballprofis des FC Bayern München, als ihnen die Obere Flugbehörde im Februar den Start verweigerte. Der Flieger war aufgetankt und abflugbereit, aber sie durften nicht starten. Der Grund: Der Antrag auf Startfreigabe war um drei Minuten nach Mitternacht gekommen. Das macht uns Deutschen keiner nach, oder. Man erzählt, dass Ehrenpräsident Uli Hoeneß damals richtig sauer war, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Also, was ich sagen möchte: Bei allem Verständnis für das Ruhebedürfnis von Mitbürgern und auch übrigens für die zu schützenden Lebensräume von Feldhamstern und Zauneidechsen: Deutschland ist ein moderner Industriestaat, wirtschaftlich einer der großen Spieler auf diesem Planeten. Deshalb geht es uns allen im Vergleich zu großen Teilen der Welt sehr gut. Aber dazu gehört eben auch, dass es eine moderne und funktionierede Infrastruktur gibt, dass Straßen und Bahnstrecken für Schnellzüge gebaut werden, Stromtrassen, die die Energie von Windparks in der Nordsee in die Steckdose nach Bayreuth transportieren. Und wenn das so ist, dann müssen die angestammten Wege von Kröten und Eidechsen halt mal verlegt werden für so etwas.

Glauben Sie mir, ich bin für Umwelt- und Artenschutz. Und ich bin auch dafür, wenn man dafür als Staat aktiv etwas tut. Aber in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren die Maßstäbe zum Unguten verschoben bei diesen Themen. Nachtflugverbot gern bei regionalen Flughäfen wie in Osnabrück, Paderborn, Braunschweig oder Weeze. Aber Nachtflugverbot in Frankfurt, Berlin, Hamburg oder Düsseldorf – das ist total plemplem in einem Industriestandort wie Deutschland.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

P. S. Adventzeit, das ich auch Spendenzeit. Haben Sie schon einen Beitrag geleistet, damit in Deutschland konzernunabhängiger Nachrichtenjournalismus existieren kann? Wenn Ihnen gefällt, was Sie hier lesen, bitte unterstützen Sie uns mit einem Beitrag nach Ihren Möglichkeiten: DE06 3305 0000 0000 3447 13.

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.