Naiv im Kreml: Herr Nehammer zu Besuch bei Wladimir Putin

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Liebe Leserinnen und Leser,

der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer war gestern bei Russlands Präsident Wladimir Putin zu Besuch. Im Kreml, zu einem einstündigen Gespräch.

Und nach allem, was ich danach gehört und gelesen habe, frage ich mich wirklich: Warum eigentlich?

»Meine wichtigste Botschaft an Putin war, dass dieser Krieg endlich enden muss, denn in einem Krieg gibt es auf beiden Seiten nur Verlierer.«

Das ist wahr, nur: Wussten wir alle das nicht schon vorher? Und wusste Putin nicht vorher, welche Botschaft der Gast aus der Alpenrepublik überbringen wird? Und wusste Putin nicht vorher, dass es nichts geben würde, was Nehammer sagt, dass ihn in irgendeiner Form beeindrucken würde? Und Nehammer? Wusste der nicht schon vor Abreise in Wien, dass Putin sich um keinen Millimeter bewegen würde? Weil er es gar nicht kann. Weil alles andere als das Durchsetzen seiner Maximalforderungen gegenüber der Ukraine zu Hause sein politisches Ende bedeuten würde. Ich denke: Sein politisches Ende bedeuten wird.

Ist das alles nur Schattenboxen, diese Art der Diplomatie, ohne irgendwas im Gepäck zu haben, über das man verhandeln könnte? Was hat Nehammer mitgebracht? Tafelspitz eingefroren? Kaiserschmarrn mit Rosinen und Vanillesauce, Leopard 2-Panzer? Zwei Kisten Grünen Veltliner?

Warum sollte sich nach so einem Treffen irgendwas zum Positiven verändern? Warum sollte Putin eine ausgestreckte Hand ergreifen, nachdem seine große und gleichzeitig ziemlich marode Armee seit Wochen Zigtausende Zivilisten in der Ukraine umgebracht hat? Und nachdem viele Tausend junge Russen in Uniformen ihr Leben verloren haben, in einem Land, in das sie gar nicht hinfahren wollten? All dieser Wahnsinn, die Rede ist von schweren Waffen und taktischen Atomschlägen.

Und da kommt der nette Herr Nehammer wie einst „Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer“ über den Roten Platz spaziert und alles wird gut?

Oder ist es vielleicht eine PR-Aktion in eigener Sache? Für das Wahlvolk daheim? Will er sich für Höheres empfehlen, vielleicht die Nachfolge von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg in wenigen Jahren antreten? Ausgestattet mit der Aura desjenigen, der es wenigstens mal versucht hat mit dem Frieden.

Kommen Sie mir bloß nicht mit „Jetzt ist die Stunde der Diplomatie“ und „Man muss Putin einen gesichtswahrenden Ausstieg anbieten“. Was aber, wenn er den gar nicht will. Sondern den totalen Sieg? Und wenn er wirklich einen diplomatischen Ausweg sucht – was ich für völlig absurd halte angesichts der gerade anlaufenden Großoffensive im Osten der Ukraine – warum trifft er sich dann mit dem österreichischen Bundeskanzler und nicht mit einem Repräsentanten der EU, der NATO oder der Vereinigten Staaten, die etwas zu verhandeln hätten?

Ich habe lange nicht mehr etwas so Absurdes und Überflüssiges erlebt, wie diese Reise von Herrn Nehammer nach Moskau. Aber gut, er ist immerhin heil da rausgekommen ohne Nowitschok im schwarzen Tee.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.