Oktober 1956: Als russische Panzer den Volksaufstand in Ungarn niederwalzten

Eine bewaffnete Frau im Oktober 1956 in den Straßen von Budapest.
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von DIETRICH KANTEL

BUDAPEST Ungarns Hauptstadt Budapest. Es ist Dienstag der 23.Oktober 1956. Tausende Studenten versammeln sich. Unter ihnen Arbeiter, Bauern, Intellektuelle, Kommunisten, Priester, Sozialdemokraten, einfache Soldaten und auch Generäle. Es ist ein Aufstand des ganzen Volkes. Der Gegner: Die verhasste, unter dem Joch der UdSSR nach dem Zweiten Weltkrieg installierte stalinistische Regierung des Landes. Die führte seit 1949 der Kommunist Mátyás Rákosi diktatorisch und grausam. Rund einer Million Ungarn, also knapp zehn Prozent der Bevölkerung wird der – politische – Prozeß gemacht. Geständnisse werden regelmäßig unter schwerster Folter erzwungen. Selber bezeichnete sich Rákosi als „Ungarns besten Schüler“ des sowjetischen Diktators Josef Wissarionowitsch Stalin.

Erst Polen, dann Ungarn

Im Februar 1956 hielt dessen Nachfolger an der Spitze der KPdSU, Nikita Chruschtschow, auf dem XX. Parteitag der KPdSU in Moskau seine Geheimrede gegen die Verbrechen Stalins und dessen Personenkult. Der Inhalt der Rede sickerte alsbald durch. Rákosi wird von seiner eigenen Partei entmachtet und flieht später in die Sowjetunion. Die Zeit schien reif für Reformen. Nicht nur in Ungarn. Im Juni des Jahres kommt es unter dem Eindruck der Reformrede Chruschtschows im ehemals deutschen, heute polnischen Posen, zu einem Streik der Arbeiter. Diese begehren auf gegen die schlechten Lebensbedingungen, zu hohe Arbeitsnormen und generell gegen die kommunistische Regierung. Polizisten werden entwaffnet, der Rundfunksender besetzt und es kommt zu bewaffneten Straßenkämpfen. Die polnische Armee schießt den Aufstand blutig nieder. Es gibt 50 Tote, hunderte von Verletzten und 700 Aufständische werden verhaftet.

Zwei Wochen der Hoffnung

In Ungarn wächst in dieser Zeit vor allem unter den Intellektuellen die Unzufriedenheit. In den Universitäten bilden sich Zirkel des Widerstandes. Studenten veröffentlichen am 22. Oktober eine Resolution mit der Forderung nach Freiheitsrechten, parlamentarischer Demokratie und der nationalen Unabhängigkeit Ungarns von der Sowjetherrschaft. Ausdrücklich verkünden sie ihre Solidarität mit den aufständigen Arbeitern in Polen. Am Abend versammeln sich daraufhin 200.000 Menschen vor dem Parlamentsgebäude in Budapest. Forderungen nach Meinungs- und Pressefreiheit werden skandiert, freie Wahlen verlangt. Unter diesem Eindruck beruft das Zentralkomitee der kommunistischen MDP noch in derselben Nacht den im Volk beliebten Reformer Imre Nagy zum Regierungschef.

Der Aufstand weitete sich nun lawinenartig über das ganze Land aus. Arbeiter-, Revolutions- und Nationalräte bilden sich allerorten. Unabhängige Zeitungen erschienen spontan. Die Lage spitzte sich zu. Am 25. Oktober wird vor dem Parlament auf die Demonstranten geschossen. Im Kugelhagel von Einheiten des Geheimdienstes AVH sterben mehr als 100 Menschen. Am 27. Oktober löst Nagy den Geheimdienst auf. Am 28. Oktober erkennt er die Revolution an. Am 30. Oktober verkündet er das Ende der Einparteienherrschaft und beruft eine Mehrparteienregierung. Die Ungarische Armee und die Revolutionäre vereinigt er zur Nationalgarde. Am 1. November verkündet Nagy die Neutralität Ungarns und kündigt die Mitgliedschaft des Landes im Warschauer Pakt. Er fordert die sowjetischen Besatzungsstruppen auf Ungarn zu verlassen.

Das Imperium schlägt zurück

Für die Sowjets ist das, Entstalinisierung hin, vermeintliche chruschtschowsche Reformen her, der Casus Belli. Am 4. November überschreiten starke sowjetische Panzerverbände die ungarischen Grenzen und schlagen bis zum 15. November den Aufstand in Budapest gegen die sich vehement Wehrenden mit brutaler Gewalt nieder. Schätzungen zufolge sterben bis zu 20.000 Menschen durch die Rote Armee. Es beginnt eine Massenflucht. Mehr als 200.000 Ungarn fliehen in den Westen.

Die Rache Moskaus ist blutig und unerbittlich. Am 22. November wird Imre Nagy verhaftet. 1958 werden er und 350 weitere Aufständische in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und gehängt. Tausende Ungarn verschwinden in den Gefängnissen. Die Sowjetmacht hatte brutal über das Volk gesiegt. Wie zuvor in Polen und wie 1953 in Ost-Berlin.

Es sollte noch weitere 33 Jahre dauern, bis am 23. Oktober 1989, dem Jahrestag des Aufstandes von 1956, die Ungarn endlich die Freiheit vom sowjetischen Joch erlangt hatten und die freie Republik Ungarn verkündeten mit einer Verfassung, deren Vorbild unter anderem das Deutsche Grundgesetz ist.

Bildquelle:

  • Ungarn_Volksaufstand_1956: westlicht
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