von KLAUS KELLE
BERLIN – Der Grund meiner Verabredung zum Mittagessen vor eineinhalb Jahren in einem Restaurant im Berliner Bezirk Zehlendorf mit einem Mitarbeiter eines der deutschen Geheimdienste hatte einen ganz anderen Hintergrund. Es ging um das mysteriöse Verschwinden des früheren CEO des Tengelmann-Konzerns, Karl-Erivan Haub, am 7. April 2018 im schweizerischen Zermatt. Angeblich beim Skifahren, was aber kaum ein Mensch glaubt. Sehr wahrscheinlich hat sich der mächtige Wirtschaftsboss nach Russland abgesetzt und lebt heute am Stadtrand von Moskau. Und höchstwahrscheinlich war er in einen Geldwäscheskandal verwickelt, bei dem mindestens 400 Millionen Euro russischer Oligarchen-Gelder in den deutschen Wirtschaftskreislauf geschleust wurden.
Während wir Sauerbraten aßen, kam das Gespräch eher beiläufig auf den Zusammenbruch des Wirecard-Konzerns und die Rolle vom früheren Vorstandsmitglied Jan Marsalek, der heute ebenfalls in Moskau unter dem Schutz des FSB lebt und weiter für den aktiv ist. „Unglaublich, dass ein russischer Agent derart Einfluss auf die Geschicke eines DAX-Konzerns nehmen konnte“, plauderte ich. Mein Gegenüber erwiderte: „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass die Wirecard Bank vielleicht mit Hilfe russischer Dienste überhaupt gegründet wurde, um einen Fuß in die Tür des westlichen Finanzsystems zu bekommen?“
Nein, das hatte ich bis dahin noch nicht
Aber der Gedanke lässt mich seit diesem Gespräch nicht mehr los.
Und je mehr ich darüber recherchiere und lese, für desto wahrscheinlicher halte ich, dass es tatsächlich so gewesen sein könnte. Die Gründung einer Bank in Deutschland, eigens zum Zweck der Einflussnahme und Informationsgewinnung – an so etwas hätte der russische FSB großen Spaß. Und haben nicht sogar deutsche Nachrichtendienste und das BKA teilweise ihren Zahlungsverkehr über Wirecard-Konten abgewickelt? Selbst Honorarzahlungen für verdeckt arbeitende Ermittler?
Es ist verstörend, was damals offenbar möglich gewesen ist
Und über die geheimen russischen Einflussnetze in der deutschen Wirtschaft ist im Jahr 2025 ein bestens recherchiertes Buch der Wirtschaftsjournalistin Birgit Jennen erschienen.
Sie schreibt:
„Wirecard steuerte anfangs vor allem die USA an. 2005 hatte es eine Niederlassung in Kalifornien, die allerdings nicht merklich zum Umsatz beizutragen schien. Ein Meilenstein war die Übernahme der XCOM Bank AG 2006, mit der man gleichzeitig die deutsche Bankenlizenz und damit die Kreditkartenzulassung erwarb, was einer Universalbank-Ermächtigung gleichkam. Der damit verbundene Zugang zu Mastercard und Visa ermöglichte dem deutschen Startup den Eintritt in den streng regulierten US-Markt, wo man vor allem im Glücksspielsegment expandierte.
Glücksspiel gilt seit jeher als Einfallstor für Geldwäsche. Hohe Summen können darüber in den legalen Wirtschaftskreislauf eingespeist werden, ohne dass der Ursprung der Gelder und eine Geschäftstätigkeit nachgewiesen werden müssen. In Casinos und Wettbüros wird oft mit großen Summen Bargeld gearbeitet. Woher das Geld kommt, ist kaum nachvollziehbar. Bargeld kann im Spielverkehr eingespeist werden und als Gewinn legal ausgezahlt werden. Das Online-Glücksspiel ermöglichte nun auch noch einen blitzschnellen Transfer von Buchgeld über Landesgrenzen und den Atlantik hinweg.
(…)
Zweifel an Wirecards Geschäftsmodell waren allerdings angebracht. Der Bezahldienst hatte sich just in jener Nische niedergelassen, die für Tricksereien anfällig war; er war nicht nur im Casinogeschäft tätig, das bei Geldwäschern besonders angesagt war. Zu allem Überfluss planten die Aschheimer für ihre zwielichtigen Kunden aus dem Glücksspielsektor auch noch virtuelle Prepaid-Kredit- und Debitkarten auszugeben, sodass spielend leicht große Summen im Ausland ausgezahlt werden konnten, ohne dass der Ursprung der Gelder durch Dritte zurückverfolgbar war. Solche Prepaid-Kreditkarten seien perfekt, um illegale Gelder zu waschen, erklärte später die ehemalige CIA-Beamtin Sonya Lim. Lim, die jahrzehntelang in Europa und Asien als Undercover-Agentin tätig war und US-Spionageeinheiten führte, ist der Meinung, dass Wirecards Plattform so ausgestaltet worden war, dass darüber russisches Schwarzgeld transferiert werden konnte. Die Staatsanwaltschaft München hat den Vorwurf bislang weder zur Anklage gebracht, noch wurde er bislang belegt.
(…)
Die Verfolgung russischer Geldströme war ein Spezialgebiet der CIA. Unter Putin war das Geflecht von Kartellen und Finanzkonstrukten immer komplexer und undurchsichtiger geworden, und US-Ermittler richteten daher ihr Augenmerk darauf, welche Schlupflöcher russischer Geldwäsche in Europa offenstanden, die mit Unterstützung Deutschlands geschlossen werden sollten. Russland sei es gelungen, ‚jeden Riss‘ im westlichen Bündnis zu seinem Vorteil zu nutzen, sagte die frühere CIA-Agentin später. Der Wirecard-Skandal habe ‚peinliche Fehler‘ westlicher Nachrichtendienste offenbart. Deutsche Behörden hätten ein Auge zugedrückt, obwohl Hinweise auf zweifelhafte Praktiken bei Wirecard längst vorlagen…“
Weitere Details zu russischen Netzwerken und Operationen in deutschen Großunternehmen finden Sie im Buch „Putins Marionetten“ von Birgit Jennen. Zu bestellen hier
Bildquelle:
- Wirecard_3: adobe.stock/tina7si
