Shitstorm gegen den Papst – aber es gibt doch nichts Wichtigeres als unsere Kinder

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Liebe Leserinnen und Leser,

das gibt wieder mächtig Ärger. Papst Franziskus, geistliches Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken auf dem Planeten Erde, hat gestern in einer Generalaudienz in Rom Paare kritisiert, die bewusst keine Kinder bekommen wollen. Also nicht die, bei denen es nicht klappt, sondern die, die nicht wollen.

Der weltweite Shitstorm in den sozialen Netzwerken ist erwartungsgemäß angelaufen. Was für eine Unverschämtheit, schimpfen all diejenigen, die sich frei gegen Kinder entscheiden. Und das sind eine Menge. Die Feminismus-Industrie jault auf, denn ihre Bäuche gehören ja ihnen, wie sie sagen. Und überhaupt, was erlaubt sich der alte Mann da, der sich ja selbst – genau wie Hunderttausende Priester und Ordensleute zur Ehe- und Kinderlosigkeit verpflichtet hat? Was will der uns denn erzählen? Die sollen erstmal vor der eigenen Tür kehren und ihre Kinderschänder konsequent rausschmeißen. Und zumindest in diesem Punkt ist unsere und meine Erwartungshaltung an die Kirche unverändert hoch.

Sie wissen, dass ich – selbst Katholik – gerade mit diesem Papst meine Probleme habe. Er ist das Oberhaupt meiner Kirche, und er ist sicher auch kein Grund, mich von dieser Kirche abzuwenden, wenngleich ich mich unter seinen Amtsvorgängern Johannes Paul und Benedikt deutlich wohler mit meiner Kirche fühlte. Und dennoch habe ich Respekt vor dem Amt und seiner Lehre.

«So viele Paare haben keine Kinder, weil sie keine wollen, oder sie haben nur eins, weil sie nicht mehr wollen, aber sie haben zwei Hunde, zwei Katzen», sagte der 85-Jährige gestern in der vatikanischen Audienzhalle vor zahlreichen Gläubigen. «Hunde und Katzen nehmen den Platz der Kinder ein. Ja, ich verstehe, das bringt einen zum Lachen, aber das ist die Realität», sagte das katholische Kirchenoberhaupt weiter. Und damit hat der Mann leider absolut recht.

Die Zivilisation werde immer älter und es fehle ihr an Menschlichkeit, weil man den Reichtum von Elternschaft verliere, warnte der Argentinier auf dem Stuhle Petri. Ein Land ohne Kinder leide. «Wer in der Welt lebt und heiratet, muss daran denken, Kinder zu haben», betonte der Pontifex. Kinder auf natürlichem Wege oder durch Adoption zu bekommen, sei zwar ein Risiko, aber keine zu haben, sei noch riskanter.

In den Wohlstandsnationen sinkt die Zahl der Geburten seit vielen Jahren – Ausnahmen git es natürlich immer. In Deutschland ist es besonders die Wirtschaft, die händeringend nach ausbildungsfähigen und ausbildungswilligen jungen Leuten sucht. Vom demografischen Faktor und der Sicherung unserer Altersversorgung will ich hier gar nicht anfangen…

So ein Papst kann Paare nicht zum Zeugen und Frauen nicht zum Gebären zwingen. Und ich bin 100 Prozent sicher, dass das auch nicht die Botschaft des Pontifex sein soll. Das entscheiden die Menschen ganz allein, und das ist richtig und gut so. Aber – und es wäre die Aufgabe aller Anführer der verschiedenen christlichen Kirchen darauf hinzuweisen – was für ein wunderbares Geschenk Kinder sind.

Einer unserer Söhne kam genau zu diesem Thema vor ein paar Tagen ins Gespräch mit mir und erklärte, er wisse noch gar nicht, ob er später eine Familie gründen wolle. Und natürlich ist es sein Recht, darüber nachzudenken. Und das bestätigte ich ihm auch, sagte dann aber, dass es für eine Mutter und einen Vater nichts Wichtigeres gebe, als die eigenen Kinder ins Leben zu begleiten liebevoll aufzuziehen und ihnen zuzusehen, wie sie Erwachsene werden. Und natürlich weiß ich auch, dass es ungewollte Schwangerschaften und prekäre Familienverhältnisse und familiäre Gewalt gibt. Dagegen müssen wir alle etwas tun, persönlich, unser Staat und die Kirchen.

Aber klar ist auch: Niemand liegt am Ende des Lebens auf dem Sterbebett und denkt, wie gern hätte ich noch den neuen A8 gefahren, oder einen Tausender mehr auf dem Girokonto gehabt oder nochmal Urlaub auf Norderney gemacht. Aber viele denken in den letzten Stunden: Warum habe ich nicht mehr Zeit mit meinen Kindern verbracht? Wenn ich mal die Augen für immer schließe, da bin ich 100 Prozent sicher, werde ich nicht an die Tausenden Artikel und Sendungen in meinem Leben, an Urlaub und Kontostände denken. Sondern nur an das Wichtigste und Beste, was wir in unserem Leben geschaffen haben. Und das sind ohne Zweifel unsere Kinder.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.