„The Länd“ wählt heute: Setzt Özdemir die Ära Kretschmann fort?

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!

Es wäre wohl angebracht, heute Morgen an dieser Stelle etwas über die Landtagswahlen in Baden-Württemberg zu schreiben. Doch so richtig mag ich mich kaum dazu aufraffen, wenn ich ehrlich bin.
Denn da draußen in der Welt passieren ununterbrochen viele andere Dinge, die relevanter und erschreckender sind als die Frage, ob das Ländle im Südwesten der Republik demnächst von Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz regiert wird.

Während Raketen und Drohnen auf Kiew und Teheran prasseln und Tod und Zerstörung bringen, während das sozialistische Kuba seine letzten Zuckungen erlebt und in Südkalifornien reiche Chinesen unablässig Kinder von „Leihmüttern“ produzieren lassen, studieren und analysieren wir Tag für Tag die neuesten Umfragen und alte Videos, was CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel vor acht Jahren mal unpassend zu einem Teenager gesagt hat. Ein glückliches Land, das keine wirklichen Probleme zu haben scheint.

Der Oberkandidat der Grünen, Cem Özdemir, hat jedenfalls einen starken Wahlkampf hingelegt. Ich habe mir Wahlauftritte und Wahlspots von ihm angeschaut – die haben klasse Agenturen und Spindoktoren, das muss man der Öko-Truppe lassen, die mit Winfried Kretschmann 15 Jahre das „Muschterländle“ in Deutsch-Südwest regiert hat. Meistens sehr erfolgreich übrigens, was bisweilen auch zu absoluten Mehrheiten für die Union führte. Gute alte Zeit …

Man kann da unten nämlich „alles außer Hochdeutsch“

So lautete jedenfalls der Claim (Anspruch) einer pfiffigen Werbeagentur namens Scholz & Friends damals. Ich erinnere mich an ein Gespräch damals mit einem älteren Bekannten, Bankdirektor, bei einem „Viertele“ Scheurebe, der ehrlich empört über den flappsigen Spruch war, den ich großartig fand. Und jetzt läuft ja gerade die Kampagne „The Länd“ von der anderen Top-Agentur Jung von Matt, auch wieder klasse. Da sind schon kreative Köpfe am Werk.

Also, wie transformiert man eine Gesellschaft, die geprägt von fleißigem Mittelstand und Handwerk ist, ein Stück weit auch von Gottesfürchtigkeit in einigen Regionen, von einer CDU-Hochburg ins erste Bundesland, das von den Grünen regiert wird?

Das ist recht einfach zu erklären

Die Reaktor-Havarie in Fukushima/Japan löste in ganz Deutschland vor 15 Jahren eine massive Anti-Atom-Stimmung aus und schlug besonders bei der Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg durch, wo die Grünen mit ihrer Lichtgestalt Winfried Kretschmann antraten, der katholisch, bodenständig und heimatverbunden ist und zum Ländle passt wie die Faust aufs Auge.

Aber auch das Bahnprojekt „Stuttgart 21“, das nicht nur alle Zeitpläne (bis heute) versenkt, sondern auch zusätzlich Milliardenschulden produzierte, gefiel dem bürgerlichen Publikum in Schwaben und Baden überhaupt nicht.

Und so waren sie dann plötzlich da, erst mit der SPD, dann mit der CDU als Juniorpartner. Doch ohne Kretschmann, der nicht mehr antritt, werden die Karten heute neu gemischt bei der Frage, wer jetzt in die Villa Reitzenstein einziehen wird.

Denn Cem Özdemir ist ein präsentabler Kandidat für die Kretschmann-Nachfolge. Gestern las ich, dass er Boris Palmer im Fall eines Wahlsieges ins Kabinett holen will. Das ist ein weiterer cleverer Schachzug.

Nichts ist so gefährlich für die Entwicklung Deutschlands als bürgerliche Grüne, die mit ihrer zerstörerischen Agenda in den traditionellen CDU-Milieus wildern.

Da voraussichtlich Union und Grüne eh gemeinsam regieren werden, geht es also heute nur um die Frage, wer Ministrpräsident wird, könnte man denken. Aber das ist nicht so.

Klar, eine Revolution ist in dem Bundesland mit den vielen „Atomkraft? nein danke…“-Aufklebern an Autos und Kühlschränken wirklich nicht zu erwarten. Aber ein grüner Ministerpräsident würde zweifellos den Schwerpunkt bei der weiteren Transformation der Automobilindustrie – schließlich sitzt „der Daimler“ dort – setzen. Mit einem CDU-Ministerpräsidenten ist eine neue Gangart in der Migrationspolitik, bei Innerer Sicherheit und übrigens auch beim Streit um den Erhalt der Realschulen zu erwarten, der in Baden-Württemberg besonders tobt. Für Bürgerliche könnte es also durchaus Gründe geben, im Südwesten heute wieder einmal die CDU zu wählen.

Zumal die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier gut in die Kampagne gestartet ist, dann aber selbst reichlich Gründe produzierte, ihn doch nicht zu wählen.

Sie kennen inzwischen, wie es in der AfD läuft?

Also: Frohnmaiers Vater erhielt 2025 einen Arbeitsvertrag bei der damals gerade in den Bundestag eingezogenen Diana Zimmer. Die ist auch Frohnmaiers Wahlkampfmanagerin. Und die Frau von Markus Frohnmaier, so berichtet das Magazin „Politico“, war bei einem AfD-Landtagsabgeordneten beschäftigt. Und als der Mann, der erster AfD-Ministerpräsident werden will, dann in der Woche vor dem Wahltag noch in die USA flog, angeblich zu wichtigen Gesprächen, die es aber tatsächlich gar nicht gab, platzte auch der Parteiführung in Berlin der Kragen.

Die AfD-Chefs Weidel und Chrupalla traten bei der letzten großen AfD-Wahlveranstaltung in Rottweil auf – und erwähnten beide in ihren Reden den eigenen Spitzenkandidaten Frohnmaier kein einziges Mal …

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.