Über Männer, die sich von Moskau nicht täuschen ließen

Das Geflecht der moskautreuen Marionetten im Westen wird klarer.

von KLAUS KELLE

BERLIN/MOSKAU – Erinnern Sie sich noch an den Jubel des Jahres 1989 und die Freiheitseuphorie damals in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs, dann der Sowjetunion und des Warschauer Paktes?

Nach dem Fall der Berliner Mauer, nach Gorbatschow, der so ganz anders sein sollte als die bisherigen Oberkommunisten im Kreml, hatte im Westen kaum einer Zweifel, dass jetzt goldene Zeiten anbrechen würden. Russland und Europa würden Partner, wahrscheinlich sogar Freunde sein, die Handel treiben und praktisch nebenbei die „Winds of Change“ in den Osten blasen.

Ich habe mich damals auch anstecken lassen – als jemand, der schon in den 80ern zum Demonstrieren gegen das SED-Regime in Ostdeutschland immer wieder nach Berlin fuhr.

Schon vor der Wende hatte ich ein gesundes Misstrauen gegen Moskau und Ost-Berlin, das mir gewissermaßen von meinem Vater in die Wiege gelegt worden war. Er kämpfte im Zweiten Weltkrieg und geriet 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Als sie eines morgens zum Appell aus den Baracken heraustraten, wehte dort statt des Sternenbanners die rote Fahne mit Hammer und Sichel. Amis und Sowjets hatten verschiedene Gefangenenlager getauscht. Und so ging es für meinen Papa im Viehwaggon für dreieinhalb Jahre ab in ein sibirisches Straflager.

Wer diese „Gastfreundschaft“ genießen durfte, ist in der Regel für den Rest des Lebens unempfänglich für Schalmeienklänge und Liebesgrüße aus Moskau.

Als mein Vater 1949 ausgemergelt mit einem Pappkoffer wieder nach Hause kam, erzählte er bis zu seinem Lebensende nichts über die Zeit in Sibirien. Aber schon als ich noch ein Schüler war, sagte er mir oft, wenn in der „Tagesschau“ etwas über die neue Ostpolitik der Brandt-Regierung kam, dass man den Mächtigen in Moskau nie, nie, niemals trauen dürfe.

Ich habe oft an diesen Satz gedacht in den vergangenen vier Jahren

Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama wagte 1990 die kühne Prognose, uns allen stehe nun das „Ende der Geschichte“ bevor: keine Kriege mehr in diesem Teil der Welt, Marktwirtschaft und Wohlstand, Rechtsstaat und Meinungsfreiheit – die liberale Demokratie als die endgültige Regierungsform für alle Menschen guten Willens. Was für ein schrecklicher Irrtum. Fukuyama argumentierte, die Menschheit sei am Ende ihrer ideologischen Evolution angekommen und alle wüssten, dass es keine ernsthafte Alternative mehr dazu gebe.

Ich habe Gorbatschow übrigens mal kurz treffen dürfen, als er einen Preis in Köln verliehen bekam. Genscher war da, die Sonne schien, er schüttelte Hände, ließ sich fotografieren und signierte Bücher. „Der ist ja wie wir“, dachte ich damals. Kein Vergleich mit Breschnew, Andropow und wie die anderen Gestalten vor ihm.

Im Jahr 2007 oder 2008 schrieb mich ein mir damals unbekannter Mann über Facebook an. Er heiße Torsten Mann, habe ein Buch geschrieben und fragte, ob er mir das zur Rezension schicken dürfe. Klar durfte er, das Buch war zwei Tage später bei mir. „Weltoktober: Wer plant die sozialistische Weltregierung?“ heißt das Werk, und Manns Grundthese darin war: Der Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs, der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Pakts seien eine gigantische Täuschung gewesen – eine in den Jahren vor 1989 ausgetüftelte Strategie, um für das kommunistische Weltsystem zu retten, was noch zu retten war.

Ich habe damals vielleicht 20 Seiten gelesen und das Buch von Torsten Mann dann beiseitegelegt. Verschwörungstheorie – ich war mir sicher, dass das vollkommener Unsinn sein müsse. Ich war doch mittendrin am 9. November an der Invalidenstraße, habe das doch alles selbst miterlebt. Die Mauer ist gefallen, der Sturm auf die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße, jetzt hieß es „Deutschland einig Vaterland“. Da kann nichts mehr schiefgehen.

Heute stehen wir vor den Scherben dieser Naivität gegebüber Russland

Wo doch der Herr Putin im Bundestag so schön in deutscher Sprache die rosige Zukunft gemalt hatte – das „gemeinsame Haus Europa“.

Bei der „Vollversammlung der wahren Schwarmintelligenz“ im Jahr 2020 in Erfurt eröffnete uns der frühere Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen einen neuen, ganz anderen Blick auf die Ereignisse 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung.

„Was hätte ich getan, wenn ich 1987 KGB-Chef in Moskau gewesen wäre?“, lautete das Thema seines Vortrags. Die westlichen Geheimdienste wussten zu der Zeit bereits, dass es im Politbüro in Moskau Debatten darüber gab, was eigentlich passiert, wenn alles zusammenbricht. Sowjetunion weg, Warschauer Pakt weg, Kommunismus auch weg?

Wenig wahrscheinlich – oder wie Maaßen eindringlich zu bedenken gab: In den 90er-Jahren saßen doch im Kreml auch noch überzeugte Kommunisten an den Schalthebeln der Macht, die an ihre Sache glaubten, aber merkten, dass ihnen wirtschaftlich und militärisch die Luft ausging. „Glauben Sie, dass das Zentralkomitee der KPdSU in Moskau beeindruckt war, wenn sie Fernsehbilder von Lichterketten in Ost-Berlin gesehen haben?“, fragte Maaßen mich einmal rhetorisch, denn die Antwort liegt auf der Hand. Die Sowjetunion verliert vielleicht eine Schlacht, aber nicht den Krieg.

Torsten Mann hat mit „Weltoktober“ ein wichtiges Buch geschrieben, das vieles erklärt, was wir seit einigen Jahren erleben. Mit Gorbatschows Perestroika habe man vorgegeben, der Kommunismus sei erledigt. Der Westen rüstet ab, kann sich nicht mehr verteidigen, liefert Technologie und investiert hartes Geld in Russland. Gleichzeitig werden die westlichen Gesellschaften durch „moralische Zersetzung“, ökonomische Abhängigkeit und linke Ideologien – Globalisierung, Klima, GenderGaga – von innen heraus geschwächt. So wird das Feld für Russland und China bereitet, die Führung einer neuen Weltordnung zu übernehmen.

Torsten Mann kommt in seinem Buch übrigens zu sehr pessimistischen Schlüssen über einen Westen, der die Gefahr ignoriert hat, ja ignorieren wollte, und der die globale Lage irgendwann nicht mehr kontrollieren kann. Vor allem – das ist jetzt mein Gedanke –, wenn plötzlich Donald Trump Chef der westlichen Führungsmacht wird und lieber „Deals“ macht.

Torsten Mann hat früh beschrieben, was hier möglicherweise läuft, und ich habe sein Buch inzwischen gelesen. Sie sollten das auch tun!

Aber es gab noch jemanden: den Diplomaten und CSU-Außenpolitiker Hans Graf Huyn, der den angeblich guten Absichten Moskaus nie getraut hat.

Auch nach Putins Show im Deutschen Bundestag nicht. Während sich die meisten Abgeordneten nach Putins berühmter Rede am 25. September 2001 von ihren Sitzen erhoben und starken Beifall zollten, blieb der CSU-Politiker kühl und analytisch. Putin sei ein „Produkt des Systems“, sein Auftritt im deutschen Parlament kein echtes Friedensangebot, sondern ein strategisches Manöver, um den Westen in Sicherheit zu wiegen und deutsche Abhängigkeiten (vor allem im Energiebereich) zu festigen. Huyn ordnete Putins Handeln in die „Langzeitstrategie“ ein, von der auch Torsten Mann schreibt. Auch damals schon sei Putins einziges Ziel gewesen, den Einfluss der USA in Europa zurückzudrängen und ein neues russisches Imperium aufzubauen.

Eine „Meisterleistung der Manipulation“ sei die Rede des Russen gewesen, sagte Huyn später. Kaum einer wollte ihm damals zuhören, zu besoffen von der eigenen Gutgläubigkeit waren die Regierungen in Berlin, Paris, London und leider auch Washington. In Vilnius, Warschau und Bukarest sah man die Dinge klarer. Man hatte selbst erlebt, was es bedeutet, unter russischer Knute zu leben.

Bildquelle:

  • Marionetten_2: adobe.stock

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.