Völlig losgelöst von der Erde: Oleg, Denis und Sergej essen gerade Dibbelabbes

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Liebe Leserinnen und Leser,

gut, dass in diesen wilden Zeiten wenigstens manches noch normal funktioniert. Drei Kosmonauten sind am Abend nach dreistündigem Flug bei der internationalen Raumstation ISS angedockt und eingestiegen: Oleg Artemjew, Denis Matwejew und Sergej Korssakow. Sie treffen dort auf zwei weitere russische Raumfahrer, vier Amis und den deutschen Astronauten Matthias Maurer. Der hatte gestern 52. Geburtstag und angedroht, er werde für alle einen ausgeben. Er habe noch saarländisches Essen da oben, also bisschen deftig: Wurst, Sauerkraut, Grumbeere und Dibbelabbes. Das passt wunderbar zum zweifellos reichlich vorhandenen Wodka da oben. Ohne Wodka sind Russen fern der Heimat – und auch zu Hause – nicht lange lebensfähig, was erst einmal ein sympathischer Zug ist. Also lockere Stimmung am Abend wird da oben herrschen, da bin ich sicher.

Die ISS ist ein globales Projekt, getragen von Russland und den USA, begleitet von der europäischen ESA und vielen anderen Ländern. Japaner waren da, Kanadier, Italiener, Schweden, ein Däne und inklusive unserem Matthias vier Deutsche. Die Raumstation ist ein wissenschaftliches Projekt, kein militärisches. Gut, wenn Amis und Russen irgendwo unterwegs sind, schießt sicher irgendeiner irgendein Foto von irgendwas Geheimen, aber vom Kalten oder gar Heißen Krieg ist da oben bisher nichts bekannt geworden.

Also hier unten ist jetzt Krieg in der Ukraine, und in Dutzenden Ländern bereiten sich Regierungen und Armeen darauf vor, möglicherweise in einen Krieg verwickelt zu werden, den eigentlich keiner will außer der Mann, den ihn begonnen hat. Aber darum geht es jetzt hier nicht, sondern ernsthaft um die Frage: Wie kommen die da in der großen Blechbüchse klar, wenn sich ihre Länder mit gefletschten Zähnen gegenüber stehen?

Ich glaube und hoffe, gut. Das Zusammensein auf engem Raum für einen längeren Zeitraum – da ist kein Platz für Politik. Da macht man seinen Job und spielt Karten in der Freizeit. Und sonst schaut man aus dem Fenster. Gibt viel zu gucken da oben in der Galaxis. Ich kann mir vorstellen, dass die über das Thema Ukraine nicht ein einziges Wort verlieren. Und warum auch? Alle sind aufeinander angewiesen, alle wollen irgendwann wieder heil zurück auf die Erde. Und vielleicht ist das gegenseitige Umbringen hier unten dann auch endlich vorbei, wenn Matthias und seine Kameraden auf unserem Planeten landen. Hoffentlich.

Raumfahrt ist doch ein großes Abenteuer für die ganze Menschheit, oder? Auch wenn es immer irgendwen gibt, der sagt: Wat soll der Scheiß, die sollen erstmal die Mieten bezahlbar machen. Gut, gibt es immer. Aber ich weiß noch, wie wir alle vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher im Wohnzimmer meiner Eltern live dabei waren. Am 21. Juli 1969 morgens gegen vier Uhr. Der erste Mensch betritt einen fremden Himmelskörper, einen großen Stein, der um die Erde kreist und Ebbe und Flut beeinflusst. „Apollo 11“, werde ich niemals vergessen. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit.“ Und heute reden sie sich immer noch die Köpfe heiß, ob das überhaupt stattgefunden hat und warum sich die Fahne bewegt hat, wo es doch gar keinen Wind auf dem Mond gibt. Lassen wir den Schwachsinn…

Ein Aspekt zu unserem Thema ISS fiel mir vorhin noch ein, bei dem ich erst nicht sicher war, ob ich es überhaupt erwähnen sollte. Ich war in meinem Leben zwei Mal im Visier einer kommunalen Gleichstellungsbeauftragten in Thüringen, bei der ich gemeldet worden war. Da wird man vorsichtig als Mann. Aber ist es ein Unterschied in einer angespannten internationalen Situation, ob die ganze Multikulti-Crew aus Männern besteht? Oder wäre es vielleicht besser, wenn auch Frauen im Team wären? Mein Bauchgefühl sagt mir, es ist gut und genau richtig, wie es jetzt ist. Aber ich kann es nicht sachlich begründen. Wahrscheinlich bin ich irgendwie doch frauenfeindlich. Melden Sie mich bitte trotzdem nicht!

Mit herzlichen Grüßen an Major Tom und Sie alle!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.