Vor einem Jahr wurde der Lehrer und Familienvater Samuel Paty (47) ermordet

Frankreich gedenkt dem Mordopfer Samuel Paty.
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von DIETRICH KANTEL

PARIS – An der Mündung der Oise in die Seine, nordwestlich von Paris, liegt Conflance-Sainte-Honorine. Das vormals beschauliche Mittelstädtchen mit rund 35.000 Einwohnern bietet ein paar historische Bauwerke. Ein Landschlösschen aus dem 16./17. Jahrhundert, eine romanische Kirche aus dem 12.Jahrhundert und einen Wehrturm aus dem 11. Jahrhundert. Dann gibt es noch ein Schiffahrtsmuseum und einen Flußhafen mit einer Schiffskapelle für Binnenschiffer. Nichts Spektakuläres also.

Traurige Berühmheit erlangte Conflance jedoch vor einem Jahr. An der dortigen Mittelschule unterrichtete der 47jährige Familienvater Samuel Paty Geschichte und Geographie. Zu seinem Lehrplan zählte regelmäßig das Thema „Das Recht auf Meinungsfreiheit“. Zur Veranschaulichung nutzte Paty seit Jahren unter anderem auch die bekannten Mohammed Karikaturen aus dem Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Dabei ging der erfahrene Pädagoge durchaus kultursensibel vor: Bevor er diese zeigte, stellte er es den Schülern frei, wahlweise das Klassenzimmer zu verlassen oder sich im Klassenraum mit dem Blick abzuwenden.

Wenige Tage nach seiner Unterrichtssequenz zur Meinungsfreiheit, am 16. Oktober 2020, wurde der Lehrer von dem, den Behörden bereits als Gefährder bekannten tschetschenischen Islamisten Abdullah Ansosrow auf offener Straße enthauptet. Was war geschehen ?

Die fatale Lüge einer 13-jährigen

Eine 13-jährige muslimische Schülerin aus Patys Klasse war wegen wiederholten Schwänzens von der Schulleitung für zwei Tage vom Unterricht ausgeschlossen worden. Ihrem Vater, Brahim Chnina, hatte sie zur Rechtfertigung ihres zuhause Bleibens eine Lüge aufgetischt: Lehrer Paty habe die muslimischen Schüler vom Unterricht ausgeschlossen, um den übrigen minderjährigen Schülern pornographische Bilder vom nackten Propheten Mohammed zu zeigen. Der Vater setzte daraufhin im Netz eine Hetzkampagne mit Videobotschaften gegen den Lehrer in Gang. Auch den vollen Namen und die Anschrift von Paty verbreitete er darin. Den Lehrer diffamierte er als Rassisten, Islamophoben und als „krank“. Auf diesen persönlichen Feldzug stieg dann der aus Marokko stammende, in Frankreich naturalisierte islamische Fundamentalist Abdulhakim Sefrioui ein. Der befeuerte die Hasskampagne gegen den Lehrer in den islamistischen Kreisen weiter. So wurde der spätere Mörder Abdullah Ansorow auf die Hetze von Vater Chnina und Sfrioui aufmerksam.

Spätere Untersuchungen von Telefonmitschnitten und WhatsApp-Nachverfolgung ergaben: Islamist Ansorow war zuvor schon auf der Suche nach „ungläubigen“ Mordopfern gewesen. Drei Personen hatte er identifiziert, fand jedoch deren Wohnanschrift nicht heraus. Dann stieß er bei Sefrioui auf den „Fall“ des Samuel Paty, dessen Schule und seine Wohnanschrift.

Eine Kaskade der Entsolidarisierung

Beschämend und erschreckend ist auch, was Lehrer Paty schon erfahren mußte, bevor der Mörder ihn auf dem Nachhauseweg von der Schule erst mehrfach in den Bauch stach und ihn dann unter dem mehrfachen Schlachtruf „Allahhu akbar“ mit einem 35 cm langen Messer köpfte. Vater Chnina hatte nicht nur seine Hass-Kampgne in die sozialen Netzwerke gestellt. Auch hatte er bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Paty wegen Pornographie mit (muslimischen) Minderjährigen und wegen rassistischer, islamophober Umtriebe gestellt. Und er sprach, in Begleitung mit dem Fundamentalisten Sefrioui, bei der Schulleitung vor, um sich zu beschweren. Die Schulleiterin bezeichnete daraufhin ungeprüft in einer Rundmail an das gesamte Kollegium die – angebliche – „Segregation“ zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Schülern als „Ungeschicklichkeit“ und „Diskriminierung“. Daraufhin distanzierten sich zwei Kollegen von Paty, „weil er die Vertrauensbeziehung zu den Familien der Schüler unterbrochen habe“. Ein weiterer Kollege schrieb an Paty, er habe der Meinungsfreiheit einen schlechten Dienst erwiesen und Schüler wegen ihrer Religion und Herkunft diskriminiert. Es folgten Einvernahmen Patys durch die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei.

Unter solch massivem Druck knickte Paty ein. Er erklärte, er werde das Thema Meinungsfreiheit zukünftig anhand anderer Beispiele abhandeln. Doch das rettete ihn nicht. Nach einer beispiellosen, zehntägigen religiös befeuerten Hasskampagne, begleitet von einer beschämenden Entsolidarisierung aus dem Kollegenkreis mußte Samuel Paty nur wenige Tage nach seiner Unterrichtsstunde am 16.Oktober 2020 sterben.

Das offizielle Frankreich gedachte an diesem Wochenende des Lehrers, der der Meinungsfreiheit seinen Unterricht gewidmet hatte. Die Vorverurteilung durch Kollegen wurde dabei offiziell nicht thematisiert. So bleibt in Frankreich ein grundsätzliches Phänomen aufzuarbeiten: Dass in einer linken Lehrerschaft in städtischen Milieus die Meinung vorherrscht, dass Muslime in Frankreich grundsätzlich immer Opfer sind. Und (radikalisierte) Muslime entsprechend handeln …

Bildquelle:

  • Samuel_Paty: afp
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