Waren es Viele, oder waren es Wenige? Das ist der Maßstab…

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Liebe Leserinnen und Leser,

im Netz tobt wieder die Debatte, wie viele Österreicher gestern in Wien gegen den verordneten Lockdown gemonstriert haben. Und es nervt.

Angemeldet zu der Demo waren 15.000 Teilnehmer, offizielle Schätzungen der Polizei gestern lauteten: 35.000 Teilnehmer. Die Nachricht ist also: Riesiger Zulauf, viel mehr Demonstranten als erwartet, großer Erfolg. Aber nein, das reicht natürlich nicht, man möchte so gern irgendwie die Mehrheit sein. Warum eigentlich? Es ist durchaus möglich, dass es mehr waren. Ich halte auch für möglich, dass Zahlen bewusst heruntergerechnet werden, damit es nicht peinlich für die Regierenden wird.

Also: 50.000, 70.000, von mir aus 100.000 Teilnehmer gestern – und was weiter? Was sagt das über die Qualität der Argumente oder die Relevanz der Bewegung aus? Wie gesagt: Ich habe da überhaupt keine persönliche Agenda, ich betrachte das vollkommen nüchtern als Berichterstatter. Für mich – und unsere Redaktion – sieht das gestern in Wien nach einem großen Erfolg der Lockdown-Gegner aus. Das Vorgehen der österreichischen Regierung in der Corona-Krise mobilisiert den Widerstand und den Protest vieler Österreicher in beachtlichem Maße. Das kann man nicht mehr als Rechtsradikale oder Spinner abqualifizieren. Und die Regierung eines Neun-Millionen-Landes ist gut beraten, das ernstzunehmen, was da gestern in Wien passiert ist. Wir wissen doch auch aus Deutschland, wie viele Bürger genauso denken, aber ihren – Entschuldigung! – Arsch nicht vom Sofa hochbekommen, aber anschließend genau auf Facebook wissen, was man hätte besser machen können.

Seit Corona-Beginn haben wir und ich immer den Standpunkt vertreten: Das Virus ist gefährlich, für Risikogruppen lebensbedrohlich. Es wäre besser gewesen, unsere und andere Regierungen hätten sich von Anfang an darauf konzentriert, die Alten und Vorerkrankten, die in den Spitälern und Pflegestationen liegen, besonders zu schützen. Stattdessen hat man sich dafür entschieden, ein ganzes Land, mehrere Länder, zeitweise vor die Wand zu fahren. Das machen Sie jetzt wieder.

Ich war gestern in Bielefeld beim Fußball, mitreißendes Spiel übrigens, Maske auf an der Bratwurstbude, nix auf auf dem Blog. 20.000 Leute, Samba und Bier. Schön, dass das stattfinden konnte. In zwei Wochen ist gegen Köln, bei dem zu erwartenden Heimsieg würde ich gern wieder dabei sein. Aber wer weiß, ob das dann noch möglich ist? In Bayern sind alle Weihnachtsmärkte abgesagt. Die Händler haben Tausende Liter Glühwein schon vor Wochen geordert, und sitzen jetzt auf der Ware. Ein paar Kisten können sie vielleicht mit ihren Familien verbrauchen, ein, zwei würde unsere Redaktion übernehmen, aber das ist doch alles ein Wahnsinn, was hier passiert. Glühwein saufen im Fußballstadion geht, Glühwein saufen auf dem Weihnachtsmarkt ist lebensbedrohend?

Fassen wir zusammen: Die österreichische Regierung hat entschieden, was sie entschieden hat, denn sie ist von einer Mehrheit gewählt worden und darf das entscheiden. Aber viele Bürger in der Alpenrepublik sind nicht überzeugt, dass ihr Land den richtigen Weg in der Corona-Krise geht. Und deshalb ist es gut, dass sie raus auf die Straße gehen und für ihre Überzeugung protestieren. Und es war schön zu sehen, wie viele sich das trauten. Und es ist beängstigend, dass in einem freien Land heute schon Mut dazu gehören muss, zu demonstrieren.

Mit herzlichen Grüßen, passen Sie gut auf sich auf!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.