Warum stehen unsere Schulen nicht stärker im Mittelpunkt der Politik?

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Liebe Leserinnen und Leser,

ich bin nicht mehr ganz sicher, wie meine Deutschlehrerin in der Mittelstufe der Realschule in dieser lippischen Kleinstadt hieß. Ich glaube, Frau Drüke oder so ähnlich. Jetzt, wo sie mir durch den Kopf schießt, kommen Erinnerungen zurück, die mich auch heute noch zum Lachen bringen. Drei Jahre lang ließ uns die blonde und in meiner Erinnerung sehr schlanke Lehrerin Günter Wallraff lesen, erst dessen „Industriereportagen“, dann nach und nach alles andere. Goethe, Schiller, Heine? Man hatte den Eindruck, die gab es gar nicht. Sozialkritik und böser Kapitalismus waren die Themen. Das kann man mal machen, ja, das muss man machen…aber doch nicht nur.

Einmal brachte sie bunte Vielfalt in den Unterricht und ließ uns mal etwas ganz anderes lesen: „Mutter Courage“ von Bertolt Brecht, jetzt auch nicht gerade als Rechtspopulist bekannt. Aber Frau D. war halt, wie die Lehrer der damaligen Zeit – zumindest in Nordrhein-Westfalen – nahezu alle, eine glühende Brandt-Anhängerin und Mitglied der SPD. Auf dem Schulhof hatte die Hälfte meiner fast alle langhaarigen Mitschüler „Willy wählen“ als Aufkleber am olivgrünen Parka. Und dazwischen zwei mit „Rainer Barzel, CDU“. Einer davon war ich. Ja, ja, die gute alte Zeit, bevor ich dann angepasster Systemjournalist wurde, von Soros und Wall Street ferngesteuert.

Was ich Ihnen eigentlich erzählen möchte. Eines Tage kam diese Frau D. mit sehr ernster Miene und atemlos zur zweiten Stunde in den Klassenraum gestürmt, um uns mitzuteilen, dass der Unterricht in dieser Stunde für die komplette Schule ausfalle, weil….sie atmete stoßartig mehrfach durch…“ein Mädchen wurde angefasst“. Schulkonferenz, Unterrichtsaufall für die ganze Schule.

Bitte stellen Sie sich das nicht vor wie die Silvesternacht in Köln 2015 mit unseren vielen Gästen dort auf dem Bahnhofsvorplatz! In einer lippischen Realschule war damals „ein Mädchen wurde angefasst“ und Schulkonferenz, wenn zwei 16-Jährige alleine im Klassenraum beim Knutschen erwischt wurden. Ja, Knutschen, nicht sexuelle Vielfalt oder so, sondern, was 16-Jährige bisweilen so taten und hoffentlich auch heute noch tun, wenn sie noch wissen, ob sie ein Junge oder ein Mädchen sind. Woher ich das weiß von damals? Weil die beiden aus meiner Klasse waren und die Vernehmungen durch den Direktor natürlich das Highlight unserer Pausengespräche auf dem Schulhof noch Tage nach dem „Ereignis“. Ich war übrigens nicht direkt beteiligt, ganz ehrlich! Wir damals in der Jungen Union, wir taten sowas nicht.

Eigentlich geht es mir aber neben all diesen Anekdötchen um etwas anderes, um ein ernstes Thema, das nichts mit der Spießigkeit der 70er in der ostwestfälischen Provinz zu tun hat.

Die BILD berichtet heute über einen „Brandbrief“, den der Schülerausschuss einer Schule im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf geschrieben hat! Darin beklagén sie eine zunehmende Gewalt an den Schulen. Und schreiben von „vielen grausamen Fällen, angefangen bei Rassismus und Mobbing bis hin zu Sexismus und Vergewaltigungen“. Mädchen würden wegen ihres Aussehens gemobbt, der Schülerausschuss-Vorsitzende Jeremy Jarsetz (19) sagt: „Uns wurden zwei Vergewaltigungen innerhalb der Schule gemeldet. Die Vorwürfe kommen aus der Schülerschaft.“ 152 Fälle haben er und seine Mitschüler zusammengetragen. Und natürlich: „Oberschüler verkaufen an ihre Mitschüler Marihuana, Koks und Crystal Meth. Das ist die ganze Palette.“ Diese Problematik werde von der Politik stets heruntergespielt.

Und das ist der Punkt: es ist ja nicht neu, dass es in einigen Berliner „Problembezirken“ Schulen gibt, an denen solche Zustände herrschen. Aber was machen eigentlich die Politiker dort beruflich, die zuständig sind im Bildungsbereich? Außer „wir nehmen das ernst“, „wir haben ein Papier dazu verfasst“, „Vorfälle müssen gemeldet werden“ und blabla. Welcher Bezirksbürgermeister setzt eine Task-Force ein, die sich intensiv um die betroffenen Schulen kümmert? Wer stellt die Sicherheit auf den Schulhöfen für die Jugendlichen her? Wer sorgt dafür, dass die Mädchen besser vor Übergriffen geschützt werden? Es ist erschütternd, wie unfähig viele der gewählten Abgeordneten und Verwaltungen sind, solche ganz realen Probleme in den Griff zu bekommen. Probleme, nicht Gendersternchen und Trans-Toiletten.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

P.S.: Ich war gestern 14 Stunden auf der Autobahn und erst um 2:30 Uhr zu Hause. Da habe ich spontan beschlossen, den „Frühen Vogel“ in ausgeschlafenem Zustand und frisch für Sie am Morgen zu schreiben. Bitte entschuldigen Sie die Verspätung!

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.