Wieder Weltmacht werden? Putins riskantes globales Spiel ist für Russland ein einziges Desaster

Zerbrochene Steine vor einer altn Fahne der Sowjetunion

von KLAUS KELLE

BERLIN – Aufmerksame Beobachter bemerkten erstmals im Jahr 2005 eine Veränderung bei Russlands Präsident Wladimir Putin, der dem Westen bis zu diesem Zeitpunkt als eine Art Reformer galt, der – insbesondere mit seiner verbindlichn Rede im Deutschen Bundestag – die Hände in Richtung Europäischer Union ausstreckte und ein gemeinsames „europäisches Haus“ zu seinem Leitmotiv erklärte. Doch dann sagte der starke Mann in Moskau in seiner Rede zur Lage der russischen Nation einen Satz, der aufmerksamen Beobachtern Sorgenfalten ins Gesicht trieb:

„Man muss anerkennen, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts war.“


War sie das? Und muss man das wirklich anerkennen?

Auf bis zu 40 Millionen Tote summieren Historiker heute die Zeit der sowjetischen Schreckensherrschaft mit der systematischen physischen Vernichtung von klassenfeindlichen Gruppen (Adlige, Geistliche, wohlhabende Bauern) durch die berüchtigte Geheimpolizei Tscheka. Oder die mindestens vier Millionen Toten durch den „Holodomor“, die künstlich ausgelöste Hungersnot in der Ukraine 1933 und 1934, wo Menschen qualvoll verhungerten, während die Sowjetunion Getreide in alle Welt exportierte, um die eigene Industrialisierung zu finanzieren.

Oder das von Alexander Solschenizyn in seinem Werk „Der Archipel Gulag“ eindrucksvoll beschriebene System sowjetischer Arbeitslager. Solschenizyn war selbst acht quälende Jahre in einem solchen Lager, um Sklavenarbeit unter widrigsten Bedingungen zu verrichten. Häftlinge mussten unter mörderischen Bedingungen Großprojekte wie den Weißmeer-Ostsee-Kanal (Belomorkanal) schaufeln oder Gold in den Minen von Kolyma abbauen. Die Essensrationen waren an die Arbeitsleistung gekoppelt. Wer zu schwach zum Arbeiten war, bekam weniger zu essen, was in einen tödlichen Kreislauf aus Hunger, Entkräftung und Tod führte. Die Sterblichkeitsrate in Lagern wie Kolyma lag zeitweise bei über 20 Prozent.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion war keine Katastrophe – es war eine Befreiung

Nicht nur für die Überlebenden der Lager, sondern es befreite die ganze Welt von der Geisel des Kommunismus sowjetischer Prägung.

Stalin ließ ganze Völker kollektiv der Kollaboration mit den Nazis beschuldigen und deportieren: Krimtataren, Tschetschenen, Wolgadeutsche und Baltendeutsche. Der sowjetische Geheimdienst NKWD ermordete im Wald von Katyn 22.000 polnische Offiziere und Intellektuelle per Genickschuss und schob das – na klar – den Nazis aus Deutschland in die Schuhe. Überall auf der Welt forderte die Sowjetunion den Westen heraus, um mehr Macht und Einfluss zu rauben: Atomraketen auf Kuba, Stellvertreterkriege in Angola, Vietnam, Nicaragua, El Salvador und so weiter.

Erst dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan gelang es, die Sowjetunion wirtschaftlich und militärisch auf die Knie zu zwingen. Was danach folgte, wissen Sie alle: der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Paktes und endlich Freiheit für die Völker und Staaten Osteuropas.

Für Wladimir Putin war diese Befreiung der Horror

Vielleicht initiiert durch seine eigenen Erfahrungen als KGB-Offizier in Dresden, der hautnah miterlebte, wie das sozialistische DDR-System innerhalb von Tagen implodierte, ohne dass Moskau eingriff.

An dieser Stelle hätte die Geschichte enden und ein neues Zeitalter des Friedens und des Wohlstands für die Menschen in diesem Teil der Welt Einzug halten können. Aber das war und ist nicht die Agenda des Kreml-Führers.

Als Wladimir Putin vor gut zwei Jahrzehnten die Macht dort übernahm, war er – wie wir heute wissen – getrieben von der, wie er sagte, „größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Russland sollte wieder als stolze Weltmacht am Tisch der Großen sitzen, als gleichberechtigter Partner. Ein Imperium, dessen Wort in Europa, Asien und Afrika Gewicht hat, dessen Wort in Washington stets aufmerksam registriert wird.

Mit dem erfolgreichen Versuchsballon, den Westen durch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim 2014 auf die Probe zu stellen, war der weitere Weg vorgezeichnet.

Zumindest in Washington und London begriff man das sofort: Militärberater reisten nach Kiew, um die Ukraine zu warnen, dass die Krim nur der Auftakt zu einem größeren Plan Putins sei. Und man begann, die ukrainische Armee mit Training und Waffen auf den Tag X vorzubereiten, was sich im Februar 2022 auszahlte, als eine 60 Kilometer lange russische Panzerkolonne auf Kiew zurollte und plötzlich auf energischen und starken Widerstand stieß, sodass aus Putins geplantem Blitzkrieg nichts wurde. Bis heute stecken die Russen im Osten der Ukraine in einem mörderischen Stellungskrieg fest. Von der Erreichung seiner Kriegsziele ist Wladimir Putin heute Lichtjahre entfernt.

Doch in einem Anflug von Größenwahn begann Moskau zeitgleich global mitzumischen

Hybride Kriegsführung gegen die ehemaligen Satellitenstaaten in Osteuropa und zunehmend auch gegen Staaten Westeuropas. Das BRICS-Bündnis, das den G7-Wirtschaftsnationen Paroli bieten wollte und dabei krachend scheiterte. Dazu imperiale Abenteuer in Afrika mit seiner Wagner-Söldnerarmee. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als müsste man mit Putins Russland weltpolitisch wieder rechnen.

Doch aus all diesen Plänen wird nichts, kann nichts werden. Und der Katalysator seines Scheiterns ist ausgerechnet Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Offenbar hatte man in Moskau erwartet, die Unterwerfung des Nachbarstaats sei eine Sache von vielleicht zwei Wochen. Inzwischen sind wir mit Hunderttausenden Toten im fünften Jahr dieses unsinnigen Feldzuges. Russlands militärische Ressourcen an Menschen und Material sind ausgezerrt, die finanziellen Reserven weitgehend aufgebraucht, die Wirtschaft liegt am Boden – außer bei der Produktion von Waffen, was aber kein Geld von außen bringt, sondern die Vorräte der Russischen Föderation aufzehrt.

Keine Ressourcen und keine Kraft, um globale Ansprüche durchzusetzen

Der russische Einflussbereich zerbröselt. An den Peripherien, da wo Putins treueste Verbündete auch durch die disruptive Außenpolitik des US-Präsidenten Trump ins Schlingern geraten, hat Russland keine Kapazitäten mehr, um als Schutzmacht aufzutreten. Besonders drastisch zeigt sich das gerade im Nahen Osten.

Syrien, über ein Jahrzehnt lang wichtiger Ankerpunkt Moskaus am Mittelmeer, ist für den Kreml verloren.

Der Kollaps des Assad-Regimes Ende 2024 markiert einen historischen Wendepunkt. Wo einst russische Kampfjets die anstürmenden IS-Rebellen in Schach hielten, wurde inzwischen die letzte russische Fahne eingeholt. Der überhastete Abzug aus den Stützpunkten Tartus und Hmeimim war ein Akt der Demütigung, wie ihn die USA 1975 in Vietnam erlebten, als die letzten amerikanischen Soldaten vom Dach der Botschaft in Saigon ausgeflogen werden mussten.

Und jetzt der Iran, mit dem Putin erst im Januar 2025 großspurig eine „strategische Partnerschaft“ für die nächsten 20 Jahre besiegelte. Auch hier, wie an vielen anderen Regionen auf dem Globus, offenbart sich die neue Ohnmacht der Russen. Ironie der Geschichte: Russland ist heute auf iranische Drohnen angewiesen, um in der Ukraine bestehen zu können, hat seinem Lieferanten in höchster Not aber nichts als markige diplomatische Floskeln zu bieten.

Im Kaukasus ist der russische Einfluss nahezu vollständig erodiert.

Armenien, das sich jahrzehntelang auf russische Sicherheitsgarantien verließ, hat die schmerzhafte Lektion gelernt, dass Moskau ein unzuverlässiger Partner ist. Nachdem Russland bei der aserbaidschanischen Rückeroberung Bergkarabachs tatenlos zusah, hat Eriwan die Reißleine gezogen. Die Abwendung vom von Russland geführten Militärbündnis ODKB und die Annäherung an den Westen ist ein diplomatisches Desaster für den Kreml, das den gesamten postsowjetischen Raum erschüttert.

Sogar im „Hinterhof“ der USA, in Lateinamerika, zerfallen mühsam aufgebauten Allianzen

Der amerikanischen Kommandoaktion gegen das Maduro-Regime Anfang 2026 hatten die Russen nichts entgegenzusetzen. Selbst als die US-Marine vor der Küste Schiffe der russischen „Schattenflotte“ enterte und übernahm, konnte die Besatzung eines russischen U-Boots in unmittelbarer Nähe nichts tun, außer zuzuschauen und es für den Kreml zu filmen. Kuba, einst Symbol des sowjetischen Widerstands gegen Washington, steht durch die neue US-Energieblockade unter Donald Trump mit dem Rücken zur Wand. Russland schickt zwar warme Worte, aber kein Öl – ein deutliches Zeichen dafür, wie überfordert der Kreml ist.

Selbst in Afrika, wo noch vor Monaten eifrig russische Flaggen in der Sahelzone (Mali, Niger, Burkina Faso) geschwenkt wurden, zeigt das Wagner-Modell Risse.

Die Gewalt durch islamistische Milizen nimmt zu, und die ökonomische Schwäche Russlands verhindert Investitionen. Afrikanische Staatschefs erkennen zunehmend, dass russische Gewehre allein keine funktionierende Wirtschaft ersetzen können.

Wladimir Putin wollte Russland wieder zu einer respektierten Weltmacht formen. Heute ist er nach vier Jahren erfolglosem Krieg in der Ukraine abhängig von China und Nordkorea.

Wladimir Putin hat mit hohem Einsatz ein gewagtes Spiel riskiert. Wie es scheint, wird er in die Geschichtsbücher als der Präsident eingehen, der seine einst große und mächtige Nation für viele Jahrzehnte in den Abgrund geführt hat.

Bildquelle:

  • Sowjetunion_Steine: adob.stock/maxim

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.